Die Stadt Wien bekennt sich zu ihrer Vergangenheit. Das machen die roten Stadträtinnen Ulrike Sima (Stadtplanung), Kathrin Gaal (Wohnbau), Veronica Kaup-Hasler (Kultur) unmissverständlich klar. "Die Stadt legt ein klares Bekenntnis zu ihrem architektonischen und städtebaulichen Erbe ab", sagt etwa Sima. "Die historischen Gebäude sind ein Schatz, den wir mit allen Mitteln verteidigen", legt Gaal nach. "Auch das imaginäre Erbe muss geschützt werden", ergänzt Kaup-Hasler. Wien ist stolz, Welterbestätte zu sein. Darüber soll nicht der geringsten Zweifel aufkommen. Doch den gibt es. Nicht zuletzt von der Unesco selbst. Der Plan eines Hochhauses am Heumarkt brachte Wien auf die "Rote Liste" und stellte eine Aberkennung des Welterbe-Status für das historische Stadtzentrum in den Raum.

Nun will die Stadt beweisen, wie wichtig ihr dieser Status ist. Sie bringt einen Weltkulturerbe-Managementplan für das historische Zentrum auf den Weg. Zwei Jahre wurde daran gearbeitet. 480.000 Euro hat das 91 Seiten starke Papier gekostet. Im Herbst soll es im Gemeinderat beschlossen werden. Am Donnerstag wurde ein erster Entwurf im Rahmen einer Enquete präsentiert. Sima, Gaal und Kaup-Hasler hielten Reden. Architekten, Stadtplaner, Vertreter der Fachwelt und aller im Gemeinderat vertretenen politischen Fraktionen spendeten kurze Wortmeldungen.

Das Wiener Stadtzentrum ist seit 20 Jahren Welterbestätte. - © apa / Herbert Neubauer
Das Wiener Stadtzentrum ist seit 20 Jahren Welterbestätte. - © apa / Herbert Neubauer

Im Grunde kommt der Welterbe-Managementplan um 16 Jahre zu spät. Seit 2005 fordert ihn die Unesco für jede Welterbestätte der Welt. In Wien gibt es seit 2001 zwei dieser Stätten: das Schloss Schönbrunn und sein Garten und das historische Zentrum der Stadt. Für beide gab es in all den Jahren keinen Managementplan. Die Kernzone im Zentrum umfasst den kompletten 1. Bezirk und Teile der Bezirke 3, 7 und 9. Die Hälfte der rund 1.600 Gebäude in diesem Areal sind denkmalgeschützt. Es ist besonders sensibles Gebiet. Anders als viele Welterbestätten - wie etwa die Pyramiden von Gizeh - sind Stadtkerne keine Denkmäler. Hier leben Menschen. Hier wird gebaut und saniert. Hier braucht es Maßnahmen gegen den Klimawandel. Sie verändern sich. Sie sind kein Museum. Sie sollen auch nicht unter einem Glassturz gestellt werden. Um das Welterbe trotzdem zu erhalten, bedarf es deshalb eines konkreten Plans. Er soll vorgeben, "wie die Stätten in Zukunft geschützt, weiterentwickelt, gepflegt und genutzt werden", wie der Planungsdirektor der Stadt Wien, Thomas Madreiter, auf der Enquete erklärt. Konkrete Richtlinien der Unesco, wie ein solcher Plan auszusehen habe, gibt es nicht. Unesco-Vorgaben, wie etwa die maximale Höhe von Gebäuden, müssen allerdings eingehalten werden.

Der nun vorliegende Entwurf des Wiener Managementplans ist Bestandsaufnahme genauso wie Zielsetzung für die Zukunft. Zwei zentrale Punkte des Papiers sind die Verankerung des Begriffs Welterbe in der Wiener Bauordnung und eine "Klarstellung betreffend der Entwicklung von Hochhäusern", wohl auch, um eine jahrelange Debatte wie am Haumarkt in Zukunft zu vermeiden.

Opposition kritisiert mangelnde Verbindlichkeit

Der Opposition ist das Papier "zu schwammig", wie die Planungssprecherin der Wiener ÖVP, Elisabeth Olischar, in ihrer Wortmeldung sagt. Grundsätzlich mangle es dem Managementplan an "ausreichender Verbindlichkeit", was mit "ausgeprägter Beliebigkeit" einhergehe, so Olischar. Die Türkisen fordern eine "Ausschlusszone für Hochhäuser im historischen Zentrum von Wien" sowie eine "Welterbe-Koordinierungsstelle", die überprüft, inwieweit die Ziele des Plans voranschreiten. Durch die Verankerung der Welterbezonen in der Wiener Bauordnung erwarten sie sich in Zukunft rechtliche Verbindlichkeit.

Auch der Planungssprecher der Wiener FPÖ, Toni Mahdalik, kritisiert den Managementplan. Dass der Plan erst jetzt Gestalt annimmt, "lässt nicht auf übertriebene Hast schließen", sagt er. Grundsätzlich unterstütze er die Vorhaben der Stadtregierung. "Den vielen Worten und Diagrammen im Managementplan müssen jetzt aber rasch auch messbare Taten folgen, vor allem was das Heumarktprojekt und Otto-Wagner-Spital betrifft." Die Stadt müsse dem Erhalt ihres Erbes endlich mehr Wert zumessen als der Gewinnmaximierung von Immobilienentwicklern.

Auf Seiten der Expertise stößt der Plan vorwiegend auf Zustimmung. Der Architektin Maria Auböck kommt die Beschäftigung mit dem öffentlichen Raum in der Kernzone zu kurz. Der Kurator und Publizist Martin Fritz verweist in seinem Statement auf die Verantwortung der Politik. "Der Ball liegt trotz Managementplan bei der Politik und nicht bei den Experten. Schlussendlich muss die Stadtregierung ausschließlich im Interesse der Allgemeinheit entscheiden, wie sie mit dem Weltkulturerbe umgeht."