Die Pandemie ist nicht vorbei", sagte Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ). Er informierte die Öffentlichkeit am Dienstag über die aktuelle Corona-Situation in der Bundeshauptstadt. Ludwig befürchtet steigende Fallzahlen in den nächsten Wochen. "Das Virus macht keine Ferien", sagte er. "Die Talsohle ist bereits durchschritten." Nun würde die Zahl der Neuinfektionen nicht weiter fallen, im Gegenteil, die Tendenz zeigt Richtung oben. Dafür sei die ansteckendere Delta-Variante des Coronavirus verantwortlich. "Der Anteil der Delta-Variante an den Neuinfektionen verdoppelt sich im Zeitraum von etwa einer Woche", führte Michael Binder, Medizinischer Direktor des Gesundheitsverbunds, weiter aus. "Sie ist bereits die dominante Variante oder wird es in den kommenden Tagen."

In den vergangenen 24 Stunden gab es in Österreich –laut Gesundheits- und Innenministerium – 84 Neuinfektionen, 53 davon in Wien. Die 7-Tages-Inzidenz, also die Zahl der Neuinfektionen in den abgelaufenen sieben Tagen je 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner, lag in der Stadt am Montag bei 17,5 - und damit weit über dem Landesdurchschnitt von 7,5.

"Kinder sind genauso infektiös wie Erwachsene"

Um die Fallzahlen zu drücken, setzt Wien weiterhin auf flächendeckende Gurgeltests. Als einziges Bundesland trägt Wien nicht alle Lockerungen des Bundes mit. Die verhängte Testpflicht auch für 6- bis 12-Jährige an Orten, an denen die 3-G-Regel gilt, sorgte zuletzt für Kritik, vor allem aus der ÖVP. Nachdem die Epidemiologin Eva Schernhammer im Ö1-Morgenjournal die Sinnhaftigkeit der Regelung erneut infrage gestellt hatte, sah sich Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) bestätigt. "Niemand versteht, warum bei stabil niedrigen Inzidenzzahlen und stetig steigendem Impffortschritt nun Wien mit einer Verschärfung vorprescht. Die Testpflicht für Kinder verunmöglicht jede spontane Sommeraktivität für Familien in Wien", kritisierte sie in einer Stellungnahme.

Ludwig sieht die Sache anders. Er verteidigte die Wiener Regeln am Dienstag. Kinder seien genauso infektiös wie Erwachsene, auch wenn sie oftmals keine oder nur geringe Symptome entwickeln würden, betonte Ludwig. Sie können das Virus aber insbesondere an ungeimpfte Erwachsene weitergeben, daher sei Vorsicht geboten. Doch auch auf den Schutz der Jungen selbst müsse geachtet werden, sagte Ludwig, "auch weil wir die Long-Covid-Folgen noch schwer abschätzen können".

Unverständnis äußerte Ludwig in Richtung des oft geäußerten Vorwurfs, man müsse Kinder vor jedem Besuch im Freibad testen lassen. "Das einfachste ist, wenn man sich so wie viele andere in der Stadt dreimal die Woche testen lässt", sagte Ludwig.

Ludwig appellierte an die Wiener Bevölkerung vom Angebot der kostenlosen PCR-Gurgeltests Gebrauch zu machen. Dies sei einzigartig. "Ein so niederschwelliges Angebot an PCR-Tests gibt es nur in Wien", sagte er. Es gebe internationales Interesse an den Gurgeltests, Bürgermeister aus Berlin und Bern haben sich etwa zum Besuch angekündigt, um sich ein Bild von der Infrastruktur zu machen.

Stadt will Impfrate mit Sonderaktionen heben

Laut Ludwig sind rund 670.000 Wienerinnen und Wiener vollimmunisert. "Das bedeutet aber auch, dass ein großer Teil der Bevölkerung noch nicht geimpft ist." Laut Gesundheitsministerium sind in Wien 35,3 Prozent der Bürger voll- und 52,24 Prozent teilimmunisiert (Stand: 5. Juli).

Die Stadt will die Rate nun mit niederschwelligen Impf-Aktionen heben. In einer Impfbox am Rathausplatz wird, wie bereits berichtet, ohne Voranmeldung mit den Impfstoffen von Johnson & Johnson und Biontech/Pfizer geimpft. Auch im Austria-Center können sich Interessierte, die bisher noch nicht dran gekommen und älter als 18 Jahre alt sind, ohne Termin stechen lassen. Hier kommt das Präparat von AstraZeneca zur Anwendung. Der Zweitstich soll vier Wochen später erfolgen. n (wint)