Seit Montag dieser Woche haben Lehrerinnen und Lehrer vor allem zu Unterrichtsbeginn jedes Schultags alle Hände voll zu tun, um die Corona-Tests organisatorisch zu bewältigen, damit die Proben rechtzeitig an das Labor geliefert werden können. Der zusätzliche administrative Aufwand durch die Corona-Schutzmaßnahmen in der ohnehin schon hektischen ersten Schulwoche wird auch als ein Grund genannt, warum die von Bildungsstadtrat und Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr (Neos) und Bildungsdirektor Heinrich Himmer vor dem Sommer für das neue Schuljahr angekündigte Neuverteilung der Stundenkontingente und die damit für viele Schulen verbundene Einsparung von Lehrern vorerst noch nicht mehr Staub aufgewirbelt haben.

Jede betroffene Schule, jede Direktorin, jeder Direktor war schon seit der Woche vor Schulbeginn bemüht, den Stundenplan nach den neuen Anordnungen zu gestalten. In Kontakten der "Wiener Zeitung" mit einer Reihe von Schulleitungen ist kaum zu überhören, dass sich trotz der aufgebürdeten Streichung von Lehrerposten keiner öffentlich äußern möchte - aus Furcht, bei einer künftigen weiteren Neuaufteilung der Stundenkontingente durch die Bildungsverantwortlichen der Stadt spätestens im nächsten Schuljahr noch schlechter auszusteigen.

"Sind aus allen
Wolken gefallen"

Aus der Sicht von Wiederkehr und Himmer stellt sich die Situation anders dar. Sie verteidigen die Neuregelung mit mehr Transparenz bei den Stundenkontingenten, dabei gebe es nicht nur Schulen als Verlierer, sondern auch als Gewinner. Zu Beginn dieser Woche hat Wiederkehr nochmals betont, dass schon nach ersten Protesten vor den Sommerferien zusätzlich 2.200 Lehrerstunden, das entspricht rund 100 Posten, zugesichert worden seien. Während der Sommerferien habe man auch noch versucht, Härtefälle abzufedern. Das neue System sieht für Schulen ein Basiskontingent vor, für das die Zahl aller Schüler durch die Klassenschülerhöchstzahl 25 geteilt wird. Außerdem sollen Schulen, an denen besonders viele Schüler mit zusätzlichem Förderbedarf - vor allem in Deutsch - sind, sogenannte "Brennpunktschulen" mehr Posten bekommen.

Grau ist freilich alle Theorie, die Berechnungen haben an so mancher Schule Kopfschütteln und Zähneknirschen bei den Schulleitungen, bei Lehrern und nunmehr auch bei Elternvertretern ausgelöst. So fehlen einer Elternvertreterin, deren Namen der "Wiener Zeitung" bekannt ist, angesichts der Vorgänge in einer Volksschule im dritten Gemeindebezirk schlicht die Worte, was sich in der Volksschule ihrer Tochter abgespielt hat. Erst wenige Tage vor Schulbeginn sei man über beträchtliche Stundenkürzungen informiert worden. Selbst die betroffenen Lehrerinnen seien über die Information in den Sommerferien, dass Teamstunden im neuen Schuljahr 2021/22 gekürzt werden müssen, "aus allen Wolken gefallen". Eine Lehrerin, die sich schon vor dem Schulende vorgestellt habe, komme nun doch nicht an diese Volksschule. "Ich finde den Umgang mit allen beteiligten Personen, Direktoren, Lehrern, Eltern, Schülern eine Zumutung", kritisiert die Elternvertreterin. Ihre Darstellung der Vorgänge wird von einer weiteren Person bestätigt.

Schul-"Feuerwehr"
hart getroffen

Aussagen von Schulleitungen, die erst unter Zusicherung von Anonymität sprechen wollten, bestätigen, dass manche Schulen von der ersten Schulwoche weg teils mehrere Lehrerposten verlieren. Wer Glück hat, kann diese oder einen Teil davon durch die von Bildungsminister Heinz Faßmann zugesagten weiteren Förderpakete für Schüler mit Lerndefiziten nach dem Heimunterricht wegen der Corona-Krise kompensieren. Neue Stundenpläne mussten dennoch erstellt werden. Es brodelt an den Schulstandorten, weil vor allem jegliche Planbarkeit für den Unterricht über ein Schuljahr fehle. Auch jetzt handelt es sich nur um eine vorerst bis zum Ende des Semesters zugestandene Sonderlösung mit den Förderstunden des Bundes, wobei aber keine längerfristige Anstellung von Pädagogen möglich sei, wird praktisch im Chor der Direktorinnen und Direktoren bemängelt. Erst nach der ersten Schulwoche werde man einen besseren Überblick haben, weil zunächst alle damit beschäftigt seien, den Unterrichtsbetrieb in ihren Schulen ins Laufen zu bringen.

Nach übereinstimmender Auskunft sind neben Volksschulen vor allem Sonderschulen die Leidtragenden der Einsparungen. An acht Schulzentren seien speziell das mobil einsetzbare Beratungslehrpersonal und die Psychologinnen und Psychologen von den Stundenreduktionen betroffen, schildert die Personalvertreterin Claudia Astner, Vorsitzende des Dienststellenausschusses für fachspezifische Sonderpädagogik, der "Wiener Zeitung". Das trifft dann letztlich jene Schüler, die für die Integration besondere Unterstützung brauchen. Denn die Folge sei, dass das verbleibende Personal immer mehr Schüler übernehmen müsse. Dabei sei gerade dieses mobile Team "wirklich die Feuerwehr", wenn Hilfe benötigt wird. "Es ist ein Wahnsinn, dieses System zu kürzen", kritisiert Astner scharf. Kommende Woche trifft jedenfalls der Dienststellenausschuss zusammen, um sich die Entwicklung genau anzuschauen und ein Gesamtbild zu bekommen.

Kommende Woche werden die neuen Stundenkontingente auch politisch zum Thema. Dafür sorgen die Wiener Grünen, die wegen der Probleme eine Sondersitzung des Landtags für kommenden Montag, 13. September, einberufen haben lassen. Wenn es nach den Grünen geht, die bis zur Wahl im Vorjahr selbst Regierungspartner der SPÖ im Wiener Rathaus waren, sollen die Einsparungen zurückgenommen werden. Damit ist auch die politische Auseinandersetzung zwischen den Grünen und den Neos eröffnet.