Jetzt verlagert sich der Kampf um die Lehrerposten und die Neuzuteilung der Stundenkontingente in Wien von den Schulen auf die politische Ebene. Während sich Direktoren, Lehrer, Eltern und Schülern vor allem noch mit Anlaufschwierigkeiten bei den verstärkten Coronatests in Schulen herumschlagen, haben die Grünen für morgen, Montag, den Landtag zu einer Sondersitzung einberufen lassen. Die jetzige Oppositionspartei verlangt dort eine Rücknahme der seit Beginn des neuen Schuljahres 2021/22 geltenden Kürzungen der Stundenkontingente für Lehrer an einem Teil der Schulen und wirft dem zuständigen Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr von den Neos "Bildungsraub" vor. Dieser wehrt sich ebenso wie die Wiener Bildungsdirektion gegen den Vorwurf, dass es zur Lehrereinsparungen komme.

Warum kommt es abgesehen von den unterschiedlichen, politischen Sichtweisen zu einer derartigen Diskrepanz bezüglich der Lehrerposten?  Der grüne Gemeinderat Felix Stadler hat gemeinsam mit seiner Klubkollegin Julia Malle als grünes Bildungssprecher-Duo nicht nur Rückmeldungen von Dutzenden Lehrern und Direktoren, sondern auch von Eltern erhalten, die über Lehrereinsparungen an ihren jeweiligen Schulen klagen. Stadler verweist im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" auch darauf, dass die Grünen in der Bildungsdirektion Einsicht in eine an sich geheim gehaltene Liste nehmen konnte. Demnach seien in Volks- und Mittelschulen insgesamt ungefähr 45 bis 50 Schulen von Kürzungen betroffen, vor allem Volksschulen. Warum dies auf den ersten Blick dennoch in Summe nicht auffällt, ist dem Umstand geschuldet, dass die Zahl der Pflichtschüler insgesamt steigt. So erhält Wien gemäß einem Verteilungsschlüssel, der auf einem Schüler-Lehrer-Verhältnis beruht, vom Bund automatisch mehr Lehrerposten zugeteilt. "Mehr als je zuvor", wie der grüne Gemeinderat ergänzt. Nach dem noch vorläufigen Stellenplan sind es rund 12.500 Planstellen, wobei etwa 120 bis 150 Posten auf die steigende Zahl an Pflichtschülern zurückzuführen sei.

Ohne diese Steigerung kommt es allerdings – durch die von Bildungsstadtrat Wiederkehr und Bildungsdirektor Heinrich Himmer knapp vor Ende des vergangenen Schuljahres angekündigte Neuverteilung der Stundenkontingente – zu Einsparungen und Kürzungen bei den Lehrerposten. Die Bildungsverantwortlichen der Stadt Wien haben die Änderung damit begründet, endlich ein transparentes und gerechtes System der Stundenzuteilung – von der die Anzahl der Lehrer abhängt – umsetzen zu wollen. Das Basiskontingent sieht für alle Schulen vor, dass die Zahl der Schüler durch eine Klassenschülerhöchstzahl von 25 geteilt wird. Diese Neuregelung führt, wie der "Wiener Zeitung" von Schulleitern und Elternvertretern zuletzt bestätigt wurde, trotz Nachbesserungen, die Wiederkehr über den Sommer zur Abfederung von Härten angeordnet hat, zum Verlust von Lehrerposten an Schulstandorten.

Empörung bei Stadtrat und Bildungsdirektion

Die Auseinandersetzung, wie viele Schulen im neuen Schuljahr jetzt davon betroffen sind, nimmt an Härte zu. Das bekam auch die "Wiener Zeitung" nach einem Bericht Ende der Woche, wonach es in Wiener Schulen "brodelt" ordentlich zu spüren. Kaum war der Bericht Donnerstagmittag online erschienen, unterstellte das Büro von Bildungsstadtrat Wiederkehr der "Wiener Zeitung", nicht wahrheitsgemäß zu berichten, obwohl die Informationen auf Telefonaten mit (lieber ungenannt bleiben wollenden) Direktoren, Lehrerpersonalvertretern sowie Elternvertretern beruhte, die jeweils über Einsparungen klagten. Abgefedert wurden diese teilweise durch die Tatsache, dass Bildungsminister Heinz Faßmann von Bundesseite Förderstunden zur Verfügung stellt, mit denen die Schwächen von Schülern wegen des Heimunterrichts während der Corona-Krise seit März 2020 beseitigt werden sollen. Der Haken: diese gelten vorerst nur bis zum Semesterende, damit seien Fixanstellungen von Lehrern nicht planbar, bedauerten Schuldirektorinnen und Direktoren.

Im Büro von Wiederkehr stieß man sich vor allem daran, dass es im Bericht dieser Zeitung von "vielen" von Einsparungen betroffenen Standorte die Rede war. Das wird im Nachhinein durch die Einsichtnahme der Grünen in die geheim gehaltene Liste mit Kürzungen in 45 bis 50 Prozent Schulen der Bildungsdirektion bestätigt. "Was heißt für viele Standorte Einsparungen? Das ist nicht korrekt", hieß es in einer SMS aus dem Büro des Bildungsstadtrats. Verbunden damit war die Aufforderung: "Bitte bei der Wahrheit bleiben", es seien nur "einige" Schulen betroffen, wurde betont. Die "Wiener Zeitung" verwahrte sich daraufhin in einem Telefonat gegen die Unterstellung einer – bewussten – Falschmeldung, nachdem die Darstellung auf Schilderungen betroffener Schulen beruhte, und verlangte die Vorlage der genauen Zahlen, um eine Klärung herbeizuführen.  

Langes Warten auf Antwort der Bildungsdirektion

Dazu kam es vorerst aber nicht. Mit dem Hinweis, man wolle keine Neiddebatte unter den Schulen, wurde im Büro des pinken Vizebürgermeisters Wiederkehr auf die Wiener Bildungsdirektion verwiesen, wo man die genauen Zahlen habe. Mehrmalige Bemühungen bei der Pressesprecherin der Bildungsdirektion verliefen am Donnerstag jedoch ohne Ergebnis. Bei einem erneuten Kontaktversuch Freitagfrüh wurde von der Pressesprecherin schließlich an ihren Vorgesetzten weiterverwiesen. Von diesem gab es dann auch eine Auskunft. "Wichtig ist, dass Wien-weit keine einzige Planstelle eingespart wurde. Im Gegenteil, durch das Wachstum der Stadt ist auch die Gesamtzahl aller verfügbaren LehrerInnen-Posten angewachsen. Es wurden auch alle verfügbaren Planstellen auf die Wiener Schulen verteilt. Somit können auch alle Lehrkräfte an einer Wiener Schule weiter beschäftigt werden", teilte die Bildungsdirektion in einer schriftlichen Stellungnahme mit.

Damit wurde allerdings nur die Darstellung der Grünen bestätigt, dass durch die gestiegenen Schülerzahlen in den Pflichtschulen auch mehr Lehrer zum Einsatz kommen, was aber nichts an der Neuverteilung der Stundenkontingente ändert, durch die bestimmte Schule zum Handkuss kommen und Einsparungen gegenüber bisher hinnehmen müssen. Grundsätzlich stellte die Bildungsdirektion für Wien in ihrem Schreiben an die "Wiener Zeitung" dazu fest, sie sei "gemeinsam mit der Stadt Wien bemüht die vorhandenen Stundenkontingente transparent und gerecht auf alle Wiener Schulen zu verteilen".  Entscheidender Nachsatz: "Durch die Neuberechnung kann es jedoch zu Verschiebungen zwischen den Standorten kommen."  Schon vor den Sommerferien hatte es geheißen, bei dem neuen System werde es Verlierer und Gewinner geben. Mit 2200 Stunden oder umgerechnet rund 100 Lehrerposten zusätzlich hat Wiederkehr über den Sommer Nachbesserungen gegenüber dem ursprünglichen Plan vorgenommen.

Die Bildungsdirektion Wien betonte dazu grundsätzlich: "Alle beteiligten Personen im Wiener Bildungswesen sind bemüht die hohe Qualität der Wiener Schulen mit den vorhandenen Personal-Ressourcen zu erhalten. Mit der aktuellen Neuverteilung erhalten alle Wiener Schulen die gleichen Chancen für eine hochwertige Schulentwicklung unter Berücksichtigung der jeweiligen Herausforderungen am Standort." Schulexperten betonen allerdings, dass sich heuer durch Übergangslösungen und das Förderpaket des Bundes die Auswirkungen noch nicht voll zeigten, der "Hammer" komme erst im Schuljahr 2021/22.

"Komplett verkorkste Neuerung"

Genau hier hakt die weitere Kritik der Grünen vor dem Sonderlandtag am Montagvormittag ein. Denn nach ihren Informationen seien auch sogenannte "Brennpunktschulen" mit vielen Schülern auch sozial benachteiligten Familien und Migrantenfamilien von den Kürzungen betroffen. Das gelte etwa für Favoriten und Rudolfsheim-Fünfhaus. Daran knüpft die harte politische Kritik des grünen Bildungssprechers Stadler, man sei am Anfang den Neos und Wiederkehr offen gegenübergestanden, aber: "Das erste Projekt, die erste große Neuerung ist komplett verkorkst."  Man sei verwundert, dass dieser Plan ausgerechnet "von der angeblichen Bildungspartei" Neos komme. Die Grünen verlangen nicht nur eine Rücknahme der Kürzungen, sondern auch die Einbindung der Direktoren in eine Neuregelung und die Absicherung von Mehrstufenklassen an Wiener Pflichtschulen durch entsprechende Mittel.