Während sich Direktorinnen, Lehrer und Schüler am Beginn der zweiten Schulwoche in Wien noch immer mit Problemen bei den Coronatests herumschlugen - etwa bei der Online-Plattform für "Alles gurgelt", kam es am Montagvormittag im Wiener Landtag zu einem offenen Schlagabtausch. Es ging dabei um die Neuverteilung der Stundenkontingente, von der die Lehrerplanstellen an den einzelnen Schulen abhängen.

"Das ist kein Bildungsverprechen, das ist ein Bildungsgebrechen", wetterte die grüne Bildungssprecherin Julia Malle bei der von ihrer Partei beantragen Landtagssondersitzung in Richtung Neos und Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr. Die Pinken warfen postwendend den Grünen vor, "Unwahrheiten" über weniger Lehrerposten zu verbreiten. SPÖ und Neos sehen vor allem auch die türkis-grüne Bundesregierung bei mehr Lehrerplanstellen gefordert, damit kein Kind benachteiligt wird.

Anlass für die hitzigen Wortgefechte im Wiener Rathaus ist die von Vizebürgermeister Wiederkehr (Neos) knapp vor den Sommerferien angekündigte Neuverteilung der Stundenkontingente, um das System transparenter und "gerechter" zu machen. Seither - und auch jetzt zu Schulbeginn - beklagen Schulleiter, Elternvertreter und auch die Wiener Grünen Kürzungen von Lehrerstellen in den Pflichtschulen, vor allem in Volksschulen. Rein formal gibt es zwar, wie auch die Grünen der "Wiener Zeitung" bestätigten, mit rund 12.500 Lehrern im Pflichtschullbereich so viele Pädagogen wie noch nie. Grund dafür ist die steigende Schülerzahl. Allerdings müssen 45 bis 50 Prozent der Schulen dennoch Kürzungen der Stundenkontingente hinnehmen, betonte der grüne Bildungssprecher Felix Stadler im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" unter Berufung auf eine Liste der Wiener Bildungsdirektion.

Grüne lehnen jede Kürzung ab

Vizebürgermeister und Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr hatte gemeint, dass es bei den Schulen Gewinner und Verlierer durch die Neuregelung gebe. Im Sommer hat er den Schulen für Härtefalle nochmals rund 100 Lehrerposten zugestanden. Stadlers grüne Klubkollegin Malle verlangte bei der Sondersitzung des Landtages zur Lehrersituation in Wien aber die Rücknahme von Stundenstreichungen und eine Reform unter Einbeziehung der Direktorinnen und Direktoren. "Es darf keine Kürzung geben", sagte sie.

Für Bildungsstadtrat Wiederkehr sprang seine pinke Parteikollegin Bettina Emmerling am Rednerpult in die Bresche: "Ihr redet nur von Einelfällen!" Denn von den Neos werde das Bildungswesen in Wien durch die Reform auf solide Beine gestellt. Den Grünen warf sie an den Kopf: "Es sind Unwahrheiten durch die Bank". die diese verbreiteten. "Es wird nicht gekürzt, das ist wirklich eine Lüge", meinte sie einmal in Fahrt gekommen. Grün-Rednerin Malle konterte mit einer tatsächlichen Berichtigung, dass sei auch eine Unwahrheit von Seiten der Neos. Warum verliere dann die Hälfte der Schulen Stunden, hakte sie mit einer Nachfrage nach.

Für den nichtamtsführenden Wiener Stadtrat und FPÖ-Landeschef Dominik Nepp gab es einmal mehr einen Hauptgrund für die Probleme im Bildungsbereich. Hier schlage die gescheiterte Migrationspolitik im Bildungssystem der Stadt durch. In den zehn Jahren der rot-grünen Koalition von 2010 bis 2020 sei nichts passiert.

ÖVP fürchtet Abwandern der Lehrer

Für die ÖVP stellt sich ein grundsätzlicheres Problem bei den Lehrern in Wien. Warum schaffe es Niederösterreich die Klassengröße bei im Schnitt 18 Schülern zu halten, in Wien seien es hingegen im Durchschnitt 22, listete ÖVP-Mandatar Harald Zierfuß auf. Viele Lehrer würden daher aus Wien abwandern. Allein ein Viertel der Wiener Pädagogen habe einen Wohnsitz außerhalb der Bundeshauptstadt, was die Abwanderung noch erleichtere.

Für die SPÖ drehte Nicole Berger-Krotsch als nächste Rednerin den Spieß um. Sie sah wie die Neos den Bund bei mehr Lehrerressourcen gefordert. Zugleich hielt sie den Angriffen der Grünen über Kürzungen von Stundenkontingenten und Lehrerstellen entgegen, was es sonst an Verbesserungen im neuen Schuljahr an Wiens Schulen gebe: eine Aufstockung der Freizeitpädagogen und Unterstützungskräfte, neue Bildungscampusstandorte, den WLAN-Ausbau.

Während in Wien die Situation der Schulen und Lehrer für hitzige Diskussionen auf politischer Ebene sorgten, begann außerhalb von Wien, Niederösterreich und dem Burgenland am Montag für rund 650.000 Schülerinnen und Schüler erst das neue Schuljahr 2021/22. Wie im Osten Österreichs begann damit in den sechs Bundesländern die vorerst dreiwöchige "Sicherheitsphase" mit Coronatests, um eine Ausbreitung der Neuinfektionen zu verhindern.