Für zigtausende Menschen war das Weihnachtsfest dadurch getrübt, dass sie derzeit keine Beschäftigung haben. In Wien ist nicht nur die Arbeitslosenrate im Bundesländervergleich hoch. Erschwerend kommt vor allem dazu, dass in der Bundeshauptstadt der Anteil der Langzeitbeschäftigungslosen am höchsten ist. Je länger jemand keinen neuen Job findet, umso schwieriger wird die Arbeitssuche. In Wien liegt der Anteil an Langzeitbeschäftigungslosen mit 52,6 Prozent bei mehr als der Hälfte aller Arbeitslosen der Stadt, so die Daten des Arbeitsmarktservice (AMS) vom Oktober 2021.

Das Neos Lab, die Akademie der pinken Partei, die seit Herbst 2020 in Wien Koalitionspartner der SPÖ ist, macht in einer Spezialanalyse zum Mangel an Fachkräften in Österreich, die der "Wiener Zeitung" vorliegt, auf dieses Problem und insgesamt auf die weitreichenden regionalen Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt aufmerksam. Neos Lab liefert gleichzeitig Vorschläge zur Behebung der Misere des Facharbeitermangels, die teils auf Ablehnung des Koalitionspartners SPÖ stoßen werden. Neben niedrigeren Steuern und der verstärkten Nutzung des Potenzials älterer Menschen werden vor allem Maßnahmen zur Steigerung der Mobilität von Arbeitnehmern und Anreize nach internationalen Vorbildern angeregt. Einer der Vorschläge zielt auf ein degressives System beim Arbeitslosengeld, bei dem - vereinfacht ausgedrückt - die Leistung zunächst höher ausfällt, mit der Dauer der Arbeitslosigkeit aber gesenkt wird. Damit steigt der Druck, einen neuen Job anzunehmen. Gewerkschaft und SPÖ fordern hingegen ein höheres Arbeitslosengeld als bisher. Auf Bundesebene berät der von der ÖVP gestellte Arbeitsminister Martin Kocher mit dem grünen Koalitionspartner, Sozialpartnern und Experten im ersten Quartal 2022 über ein Reformpaket für den Arbeitsmarkt, bei dem es auch um diese Themen gehen wird.

Als langzeitarbeitslos gilt jemand, der länger als ein Jahr arbeitslos gemeldet ist. Die Langzeitbeschäftigungslosigkeit betrifft einen größeren Personenkreis als die Langezeitarbeitslosigkeit, weil darin nicht nur Arbeitslose und Schulungsteilnehmer einbezogen werden, sondern auch Beschäftigte, deren Dienstverhältnis bereits innerhalb von zwei Monaten wieder aufgelöst wurde. Es gehören somit jene Personen dazu, die besondere Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben.

Stellen in Wien schnell nachbesetzt

Neos Lab hat dafür AMS-Daten vom Oktober dieses Jahres herangezogen. Den 52,6 Prozent Langzeitbeschäftigungslosen in Wien standen in Tirol, dem Bundesland mit dem niedrigsten Anteil, 18,5 Prozent gegenüber, in Salzburg waren es 24,4 Prozent. Auch die beiden anderen Bundesländer in der Ostregion schnitten im Vergleich besser ab. Niederösterreich verzeichnete einen Anteil von 43,5 Prozent Langzeitbeschäftigungsloser, in Burgenland lag der Anteil bei 45,4 Prozent.

Im Vergleich mit den vergangenen fünf Jahren dauert es im Durchschnitt auch länger, bis eine beim AMS als frei gemeldete Stelle mit einem Arbeitnehmer nachbesetzt werden kann. Im November dieses Jahres dauerte es demnach in jedem Bundesland zumindest 50 Tage, bis eine Stelle neu besetzt werden konnte. In Wien geht es mit 52 Tagen sogar am zweischnellsten mit der Nachbesetzung nach Tirol mit 51 Tagen. Zum Vergleich: Im Industrie-Bundesland Oberösterreich mussten Unternehmen im Durchschnitt im November 98 Tage lang warten, bis sie einen Mitarbeiter einstellen konnten. Damit dauerte es fast doppelt so lange wie in der Bundeshauptstadt.

Gemessen am November 2016 hat sich die Lage naturgemäß durch die seit März 2020 andauernde Corona-Pandemie deutlich verschlechtert. In der Bundeshauptstadt dauerte es damals im Durchschnitt 25 Tage, bis eine freie Stelle nachbesetzt werden konnte, mittlerweile dauert es gut doppelt so lang. In Oberösterreich war die Situation schon damals schwierig mit einer Dauer von im Schnitt 55 Tagen, also bereits länger als zuletzt in Wien.

Schon in den vergangenen Monaten wurde daher von Seite der Bundesregierung wie auch von Experten das Ziel ausgerufen, die Mobilität von Arbeitskräften innerhalb von Österreich zu erhöhen. So sollten etwa Köche, für die es in Wiener Restaurants keine Arbeit gibt, Stellen in Tourismusbetrieben in Westösterreich annehmen, wo Köche dringend gesucht werden. Von Wirtschaftsseite kam dabei auch die Forderung nach einer Verschärfung der Zumutbarkeitsbestimmungen, damit Arbeitslose schneller auch Stellen in anderen Bundesländern annehmen müssen, was von der SPÖ und den Gewerkschaften angesichts der hohen Arbeitslosenrate und Sanktionen wegen Verweigerung der Arbeitsaufnahme umgehend heftig kritisiert worden ist.

Übersiedelungsprämie
kaum genutzt

In dem Papier von Neos Lab findet sich konkret dazu die Anregung, die Mobilität zu erhöhen. Bisherige Förderschienen hätten nur "bescheidene Ergebnisse" gebracht. So sei die Übersiedlungsprämie mit einer Förderung bis zu 4.632 Euro in den Jahren von 2008 bis 2016 nur von einigen hundert Beschäftigten in Anspruch genommen worden. Von immerhin 2.000 bis 4.000 Personen pro Jahr wird die Entfernungsbeihilfe in Anspruch genommen, mit der maximal zwei Jahre lang Pendler- und Mietkosten gefördert werden. Wichtig sei, die Programme erstmals einer wissenschaftlichen Evaluierung zu unterziehen, heißt es in der Analyse. Außerdem müsse man sich an internationalen Vorzeige-Beispielen orientieren.