So manche könnten noch diese Woche oder innerhalb der nächsten 14 Tage einen unerwarteten Anruf erhalten. Wer in Wien im Lehrberuf tätig war und sich seit 2019 im Ruhestand befindet, wird von der Bildungsdirektion telefonisch kontaktiert werden. Die Wiener Bildungsdirektion wird nämlich rund 600 Lehrerinnen und Lehrer, die in den vergangenen drei Jahren in Pension gegangen sind, anrufen, um sie für den Unterricht zurückzuholen. Diese Aktion wird im Laufe dieser Woche gestartet, wie der "Wiener Zeitung" am Dienstag vonseiten der Bildungsdirektion erklärt wurde. Die reaktivierten Lehrkräfte sollen als Ersatz bereitstehen, wenn an einzelnen Schulstandorten wegen vieler Corona-Infektionen Personalmangel herrscht, um den Präsenzunterricht weiter sicherzustellen.

Wiens Bildungsdirektor Heinrich Himmer weitet damit die Vorkehrungen für Corona-bedingte Personalausfälle noch einmal aus. Denn schon jetzt ist als Notmaßnahme die Suche nach weiteren Lehramtsstudenten im Laufen, die gebeten werden, ebenfalls als Ersatzkräfte bei Personalausfällen in einzelnen Schulen bereitzustehen. Ein entsprechendes Schreiben mit Datum vom vergangenen Freitag, dass sich Lehramtsstudenten dafür melden sollen, ist schon ausgeschickt worden. Gesucht werden Ersatzkräfte in erster Linie für den Pflichtschulbereich, also Volksschulen, Mittelschulen und sonderpädagogische Einrichtungen. Das Bildungsministerium hat für die höheren Schulen schon mit einem Reservepool Vorkehrungen für Ersatzlehrkräfte getroffen.

1.200 Lehramtsstudenten

In Wien sind ohnehin schon bisher wie auch in anderen Bundesländern Lehramtsstudenten im Einsatz, weil der Personalmangel bei Lehrkräften im laufenden Schuljahr 2021/22 sonst gar nicht abgefangen werden könnte. Sie sind mittels Sondervertrag oder bereits mit einem regulären Vertrag beschäftigt. Das Bildungsministerium hat die Zahl der schon im Unterricht an Schulen aktiven Lehramtsstudenten bisher mit rund 1.200 beziffert. Die jetzige Suche der Wiener Bildungsdirektion richtet sich an zusätzliche Lehramtsstudenten, um Personalausfälle, die wegen der sich ausbreitenden Omikronvariante befürchtet werden, zu kompensieren. Schon rund um den Jahreswechsel war gewarnt worden, dass sonst an einzelnen Schulstandorten der Unterricht für die Schüler nicht mehr möglich sein könnte.

Die Rückholaktion reiht sich in ähnliche Aktivitäten in anderen Bundesländern abseits des Lehrberufs. So hat das Land Niederösterreich schon vor Wochen Ärzte und Pflegekräfte im Ruhestand aufgerufen, wegen der hohen Arbeitsbelastung durch Corona-Patienten in den Dienst zurückzukehren. In Oberösterreich hat sich das Land seit Weihnachten an Polizisten bis zum 70. Lebensjahr gewandt, die als Ersatzkräfte nicht in den Polizeidienst zurückkehren, sondern bei Tätigkeiten der Gesundheitsbehörden aushelfen sollen, beispielsweise bei der Nachverfolgung von Kontakten oder Kontrollen.

Die Suche nach Ersatzpädagogen in Wien ist nicht an das Alter der pensionierten Lehrer gebunden. Angerufen werden vielmehr Lehrerinnen und Lehrer, die 2019, 2020 oder 2021 den Ruhestand angetreten haben und damit auch noch nicht so lange Zeit vom Unterrichtsalltag in den Schulen entfernt sind. Angeboten wird eine Anstellung mit Besoldung der ersten Gehaltsstufe.

Auch wenn der Ersatzpool an Lehrkräften in der Bundeshauptstadt für einen längeren Zeitraum geschaffen wird, so drängt dennoch die Zeit. Denn mit dem Höhepunkt der neuen Corona-Welle aufgrund der Omikron-Variante wird noch im laufenden Wintersemester, das in Wien wie auch in Niederösterreich am 4. Februar endet, gerechnet. Auch die zusätzlich gesuchten Lehramtsstudenten sollen sich daher "möglichst schnell" anmelden, wird in der Bildungsdirektion gebeten. Schon einleitend heißt es in dem Aufruf an die Lehramtsstudenten: "Ungewöhnliche Zeiten bedürfen ungewöhnlicher Maßnahmen."

"Kein Mangel, sondern Notstand"

In dem Schreiben betont die Personalabteilung der Wiener Bildungsdirektion, ihr sei es wichtig, ständig genügend qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer zur Verfügung zu haben, um den Unterricht für die Wiener Schüler zu sichern. Bereits Anfang Jänner hat der oberste Personalvertreter der Pflichtschullehrer in der Bundeshauptstadt, Thomas Krebs von der Faktion der Christgewerkschafter (FCG) eindringlich darauf aufmerksam gemacht, es könne schon jetzt nicht mehr von einem Personalmangel die Rede sein, es handle sich vielmehr um einen "Personalnotstand". Betroffen davon seien besonders die Volksschulen und der sonderpädagogische Bereich. In manchen Schulstandorten könne bei weiteren coronabedingten Ausfällen der Unterricht nicht mehr aufrechterhalten werden.

Wunscheinsatzbezirk

Ähnlich argumentiert nun die Wiener Bildungsdirektion, man bitte die Lehramtsstudenten vorausschauend um Unterstützung. Das sei notwendig, falls es tatsächlich zu einem "unüberbrückbaren Engpass beim Lehrpersonal" kommen sollte. Für die höheren Schulen wäre ein Bachelorabschluss der Lehramtsstudenten wünschenswert. Daran schließen die Mail-Adressen für die jeweiligen Schultypen, um sich anzumelden: für Pflichtschulen und Sonderschulen, für AHS sowie für berufsbildende mittlere und höhere Schulen. Bewerber sollen neben den Fächern, in denen sie unterrichten wollen, auch den "Wunscheinsatzbezirk" anführen sowie Dokumente wie Geburtsurkunde und E-Card mitangeben, damit sie im Bedarfsfall "unverzüglich" eingesetzt werden können.