Die Coronakrise hat die Situation an den Wiener Pflichtschulen und vor allem die Personalprobleme noch verschärft. Während die Bildungsdirektion jetzt sogar 600 pensionierte Lehrerinnen und Lehrer telefonisch kontaktiert und weitere Lehramtsstudenten sucht, damit sie kurzfristig als Ersatz für den Präsenzunterricht für erkrankte Lehrkräfte einspringen, bereiten der Wiener ÖVP und der Pflichtschullehrergewerkschaft noch andere Entwicklungen massive Sorgen.

Mit Stand dieser Woche sind 108 Lehrplanstellen an Pflichtschulen in der Bundeshauptstadt unbesetzt, seit 10. Jänner haben bereits 13 Pädagoginnen und Pädagogen gekündigt, Lehrkräfte wandern vor allem nach Niederösterreich ab: Wiens ÖVP-Obmann Stadtrat Karl Mahrer, ÖVP-Bildungssprecher Harald Zierfuß und der oberste Gewerkschafter der Wiener Pflichtschullehrer, Thomas Krebs, verlangten deshalb, Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (Neos) solle einen Runden Tisch zur Lösung der Probleme einerichten.

Wiederkehr griff zwar in einer Antwort an die "Wiener Zeitung" den Vorschlag auf, nahm aber sofort Bildungsminister Martin Polaschek in die Pflicht. Wenn dieser zu einem Runden Tisch einlade, sei man gerne dabei. Denn, so führte der Wiener Bildungssstadt als Begründung an, das Abwerben von Lehrern zwischen den Bundesländer sei "nicht zielführend". Außerdem habe die Stadt Wien bereits zusätzlich 200 Freizeitpädagogen angestellt. Auch im administrativen Bereiche gebe es für Schulleiter eine Entlastung.

Fast ein Viertel der Lehrer pendelt ein

Die Pflichtschullehrergewerkschaft hat schon zuletzt davon gesprochen, es handle sich längst um einen "Personalnotstand". Wie die ÖVP-Politiker mit dem schwarzen Christgewerkschafter (FCG) Krebs am Donnerstag erklärten, sind mittlerweile insgesamt 108 Lehrerposten an Volks- und Mittelschulen sowie im sonderpädagogischen Bereich unbesetzt. Verschärft wird die Lage mitten in der Pandemie, die weitere Personalausfälle durch Coronainfektionen zur Folge hat, durch das beständige Abwandern von Lehrerinnen und Lehrern nach Niederösterreich und auch ins Burgenland. Immerhin 22,8 Prozent, also ein knappes Viertel, der Lehrkräfte pendelt zum Unterricht an einer Schule in die Bundeshauptstadt.

Forderung nach Ausnahme beim Parkpickerl

Deswegen wird von der Stadt-ÖVP und Pflichtschulpersonalvertreter Krebs befürchtet, dass das ab 1. März 2022 flächendeckend in allen Bezirken geltende Parkpickerl das Abwandern von Lehrkräften aus Wiener Schulen noch verstärken wird. Als kurzfristige Gegenmaßnahme wird daher gefordert, dass für Lehrerinnen und Lehrer eine Ausnahmeregelung beim Parkpickerl gelten soll. Dabei wurde auf Polizisten verwiesen, denen die Stadt Wien bereits Ausnahmen vom Parkpickerl gewährt.

Eine als Sonderpädagogin am Wiener Stadtrand tätige Lehrerin aus Niederösterreich, die anonym bleiben wollte, schilderte, für sie wäre das Umsteigen vom Pendeln mit dem Auto auf öffentliche Verkehrsmittel "unzumutbar", weil sich dadurch allein die Fahrzeit von bisher 25 bis 30 Minuten verdreifachen würde. Sollte sich nichts mehr ändern beim Parkpickerl, befürchtet sie, dass andere Lehrkräfte die Entwicklung von März bis zum Schulschluss Anfang Juli beobachten werden und dann im Sommer ihr Dienstverhältnis in Wien beenden.

Zu den Parkpickerln verwies Wiederkehr auf die Zuständigkeit von Stadträtin Uli Sima (SPÖ). Grundsätzlich verwies er darauf, es gebe bereits Ausnahmegenehmigungen für Personen, denen es nachweislich nicht möglich sei, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu kommen. Darüber hinaus ist es aber schwer, einzelne Berufsgruppen für eine Bevorteilung beim Parkpickerl herauszugreifen.

Schulärzte für alle Schulen gefordert

"Wien muss Anreize bieten, dass es attraktiver wird, hier zu unterrichten", empfahl Lehrergewerkschafter Krebs. Zuletzt haben manche Maßnahmen hingegen die Arbeitssituation an den Pflichtschulen noch verschlechtert. Weil bereits Lehrkräfte zur Führung von Klassen fehlten, seien für diese Aufgabe sogar Pädagoginnen und Pädagogen aus den eigenen Deutschförderklassen abgezogen worden, berichtete er. Die Deutschförderklassen blieben damit unbetreut.

Dazu kommt, dass Direktorinnen und Direktoren und auch Lehrkräfte schon länger und während der Pandemie nunmehr besonders von Gesundheitsmaßnahmen zusätzlich neben der Lehrtätigkeit belastet werden. Die konkrete Forderung lautet daher, dass jeder Schulstandort einen Schularzt zugeteilt erhalten müsse, so Krebs: "Wir sind keine Mediziner." Derzeit müssen sich mehrere Schulstandorte die insgesamt mehr als 60 Schulärzte in Wien teilen. Er wies auch darauf hin, dass sogar ein 24 Mitarbeiter umfassendes Schulkooperationsteam zur Krisenintervention für andere Aufgabe abgezogen worden sei. Und dies gerade in Coronazeiten, wo Schulkinder psychisch besonders belastet seien.

Mitfinanzierung bei Schulsozialarbeitern

Bildungsminister Martin Polaschek hat in der Vorwoche im Rahmen eines Förderpakets einen Ausbau der Sozialarbeit an Schulen angekündigt. Bedingung dafür ist allerdings, dass die Bundesländer Sozialarbeiter dann dauerhaft anstellen. Wiens ÖVP-Bildungssprecher Zierfuß rief deshalb die Stadt Wien zur Co-Finanzierung bei der Sozialarbeit in den Schulen auf.

ÖVP-Obmann Mahrer strich außerdem hervor, dass in Wien die Sprach- und Integrationsprobleme im Untericht besonders groß seien. 58,8 Prozent der Volksschüler würden nicht Deutsch als Umgangssprache verwenden, im vierten Bezirk seien es sogar 88 Prozent, im 20. Bezirk 84 Prozent. Auch das sei ein Mitgrund für das Abwandern von Lehrkräften.

Vizebürgermeister Bildungsstadtrat Wiederkehr sieht auch dabei den Bund am Zug: Um Klassen zu verkleinern und damit die Lehrkräfte zu entlasten brauche man "endlich einen bundesweiten Chancenindex". Als Großstadt habe man einen höheren Bedarf für vielfältigen Formen der Integration von Kindern mit Behinderungen, die Sprachförderung in Deutsch werden durch die Ressourcen vom Bund "nicht ausreichend abgedeckt". Die Verteilung der Ressourcen muss sich daher künftig am Bedarf der Schülerinnen und Schüler und orientieren und dürfe nicht nach dem Gießkannenprinzip erfolgen.

Antrag an den Stadtrechnungshof

Darüber hinaus hat die ÖVP bereits den Stadtrechnungshof wegen einer Prüfung eingeschaltet. Grund dafür ist, dass die Zuteilung von Lehrern von Bundesseite in ganz Österreich nach einem bestimmten Aufteilungsschlüssel gemäß der Schülerzahlen erfolgt. Dennoch gebe es in Wien im Durchschnitt größere Klassen mit drei Schülern mehr als in anderen Bundesländern. Für die ÖVP bestätigt dies, dass eine Reihe von Lehrern für andere Aufgaben eingesetzt werden, was der Stadtrechnungshof nun unter die Lupe nehmen soll.

In der nächsten Sitzung des Wiener Gemeinderats am 26. Jänner wird die ÖVP jedenfalls eine Ausnahme für Lehrer vom Parkpickerl ab März beantragen. Dazu kommt die Forderung an Vizebürgermeister Wiederkehr, einen ständigen Runden Tisch auch mit Vertretern der Oppositionsparteien sowie der Lehrergewerkschaft zu den Personalproblemen in den Pflichtschulen zu schaffen. Schließlich müsse der Bildungsstadtrat eine Bedarfsanalyse zur Personalsituation auf den Tisch legen.