Fast gespenstisch ruhig ist es beim Lokalaugenschein im Austria Center Vienna (AVC). Nur leises Sprechen und Wispern ist zu vernehmen, ab und an unterbrochen von Lautsprecherdurchsagen. Dabei sind Mittwochvormittag mehr als 1200 Menschen in den weitläufigen Hallen anwesend. Menschen, die in den vergangenen Tagen vor dem russischen Angriff auf die Ukraine nach Österreich geflohen sind und auf die Erstberatung durch Hilfsorganisationen warten. Der Andrang ist groß, die Kapazitäten sollen sukzessive ausgeweitet werden.

Die Anlaufstelle im Austria Center ist Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Letzter Einlass ist jeweils um 16 Uhr. - © Georg Hönigsberger
Die Anlaufstelle im Austria Center ist Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Letzter Einlass ist jeweils um 16 Uhr. - © Georg Hönigsberger

Der Fonds Soziales Wien (FSW), die Caritas und die Diakonie stellen das organisatorische Gerüst bereit, um den Geflüchteten - größtenteils Frauen, Kinder und Jugendliche - den Einstieg in das Leben in Wien zu erleichtern. "Wir kümmern uns um Wohnraum und medizinische Versorgung, um eine mittelfristige Perspektive für Menschen, die in Wien bleiben wollen, zu schaffen", sagt David Himler von der Caritas. "Es ist eine andere Situation als 2015", erklärt Roland Haller vom FSW. "Die Menschen aus der Ukraine mussten binnen weniger Stunden ihre Heimat verlassen." Es gelte rasch zu klären, wie es in einem Land, dessen Sprache man nicht beherrscht, um Schlafen, Wohnen, Essen und den Schulbesuch der Kinder steht.

Die Caritas ist im ACV die erste Anlaufstelle für Menschen aus der Ukraine und klärt in Gesprächen grundsätzliche Fragen, etwa über die Wohnsituation oder welcher andere Bedarf für die Geflüchteten besteht. Dolmetscher, die aus dem Ukrainischen und Russischen übersetzen können, helfen dabei. "Viele, die aus der Ukraine zu uns kommen, sprechen aber auch sehr gut Englisch", sagt Himler.

Warten auf Richtlinie

Die nächsten Beratungsschritte übernimmt der FSW, der über die Leistungen der Grundversorgung, wie etwa die Krankenversicherung aufklärt. Die Personendaten werden aufgenommen, um möglichst rasch den Zugang zu staatlicher Unterstützung und zum Arbeitsmarkt gewährleisten zu können.

Da gibt es derzeit noch einen Haken. Die Europäische Union hat zwar in der Vorwoche die Massenzustrom-Richtlinie beschlossen, die Flüchtlingen aus der Ukraine unkompliziert temporären Schutz in der gesamten EU gewährt, aber die Republik Österreich hat die dazu benötigte Verordnung noch nicht erlassen. Dem Vernehmen nach gibt es hier noch inhaltliche Differenzen der beiden Koalitionspartner ÖVP und Grüne. Für die Hilfsorganisationen heißt das in diesem Punkt daher: Bitte warten.

"Ohne die Verordnung können die Geflüchteten nicht offiziell registrieren lassen", sagt Roland Haller vom FSW. Dies würde in Wien die Landespolizeidirektion übernehmen, die im Austria Center bereits einen Bereich dafür eingerichtet hat, aber erst tätig werden kann, wenn die Richtlinien-Verordnung im Nationalrat abgesegnet worden ist.

Knackpunkt der Koalitionspartner ist die Entscheidung, wem das temporäre Aufenthaltsrecht zusteht. Nur ukrainischen Staatsbürgern, oder auch Angehörigen anderer Nationalitäten, die vor dem Krieg geflohen sind. Es ist noch nicht klar, ob Österreich etwa Nigerianern, die in der Ukraine studieren, den Schutz anbieten wird. Angedacht ist, Drittstaatsangehörigen die Rückreise in ihr Heimatland zu ermöglichen. Alternativen wären ein Asylantrag der Betroffenen oder das Ansuchen um ein Studentenvisum.

Das politische Tauziehen kann bedeuten, "dass die Menschen, die schon bei uns waren, ein zweites Mal kommen müssen, um sich polizeilich registrieren zu lassen", sagt Roman Haller (FSW). "Auf jeden Fall gehen wir hier für den Bund in Vorleistung."

Während die Politik noch uneins ist, wird es im ACV ein wenig lauter. Kinder haben einen kleinen Stoffball entdeckt und spielen mit einer der Ordnungskräfte Fußball. Jauchzen und Lachen unterbrechen die vorherrschende Stille für kurze Zeit.

Derweilen kümmert sich die Diakonie um die Wohnsituation der Menschen auf der Flucht. "Wir vermitteln den Menschen privaten Wohnraum", erklärt Birgit Koller von der Diakonie. Wer Wohnraum zu Verfügung stellen will, kann sich unter wohnraum-ukraine@diakonie.at melden. Auch Zimmer in Wohngemeinschaften sind willkommen. Die Hilfsorganisation bittet aber, keine unmöblierten Wohnungen anzubieten und auch keine Angebote zu stellen, die kürzer als einen Monat sind.

Wer über akute gesundheitliche Probleme klagt, wird im AEC von der Organisation Ambermed und der Diakonie versorgt. Freiwillige Ärzte kümmern sich um jedes Wehwehchen, aber auch um ernsthafte Erkrankungen. "Wir schauen auch, dass Geflüchtete, die etwa eine Herzoperation hinter sich haben, die adäquaten Medikamente zur Verfügung gestellt bekommen, oder dass Krebskranke ihre Strahlen- oder Chemotherapie in Wien fortsetzen können", sagt Mariella Jordanova-Hudetz von Ambermed.

"Wir wollen wieder zurück"

Unterdessen wartet die Familie Motko im Austria Center, dass ihre Ticketnummer aufgerufen wird und ihre Beratungsgespräche beginnen. Frau Motko, sie will ihren Vornamen nicht nennen, kam vergangenen Samstag mit ihrem Sohn und ihrer Tochter via Polen nach Tschechien. Dort wurden sie von ihrem Bruder Volodomyr, der seit 25 Jahren in Österreich lebt, mit dem Auto abgeholt und nach Favoriten gebracht. "Wir leben hier in der Wohnung meines Bruders", sagt die Frau. In Österreich sei es "ruhig und gut, weil wir hier in Sicherheit sind". Ihr Ziel sei es aber nicht, den ruhigen Hafen zum dauerhaften Lebensmittelpunkt zu machen. "Wir wollen zurück", sagt die Ukrainerin - sobald der Krieg vorbei und die Lage in der Ukraine stabil ist.

Ihr Mann, der Sie mitsamt den Kindern von ihrer Heimatstadt nahe Kiew zur polnischen Grenze gebracht hatte, blieb in der Ukraine zurück. So wie auch seine beiden Brüder. "Sie verteidigen unser Land", sagt Frau Motko, diesmal mit tränenfeuchten Augen. Noch sei es möglich, regelmäßig mit ihrem Mann zu telefonieren. "Es geht ihm gut, in seinem Gebiet wird noch nicht gekämpft."

Flüchtlinge aus der Ukraine die nicht wie Familie Motko gleich ein Dach über dem Kopf haben, wenn sie in Wien ankommen, haben die Möglichkeit, sich bei der Ankunftsstelle in der Sporthalle Engerthstraße 269 zu melden. Dort werden stehen unter anderem Betten und Verpflegung zur Verfügung.