Eines der dunkelsten Kapitel der Nachkriegsgeschichte Österreichs ist in den vergangenen Jahren aus dem Fokus geraten. Der Kinderheim-Skandal. Unter ehemaligen Heimkindern rumort es aber wieder. Sie fordern die Stadt Wien auf, jene Entschädigungszahlungen für Opfer körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt in Einrichtungen der Wiener Jugendwohlfahrt wieder aufzunehmen, die vor sechs Jahren eingestellt worden sind.

"Nationale Katastrophe"

Der Historiker Reinhard Sieder von der Universität Wien, der die geschichtliche Dimension der Gewalt in den Wiener Erziehungsheimen mit einer wissenschaftlichen Studie im Jahr 2012 beleuchtet hat, sprach in dem Zusammenhang von einer "nationalen Katastrophe". Die Zeitung "Der Standard" verortete im Jahr 2013 das Quälen und Malträtieren von Kindern in Häusern, die deren Wohl dienen sollten, als "allergrößten Skandal" der an Skandalen ohnehin nicht armen Zweiten Republik. Die von der Stadt Wien eingesetzte Kommission, die Vorfälle im Kinderheim Wilhelminenberg aufarbeiten sollte, kam 2013 "zu dem Schluss, dass Kinder und Jugendliche im Laufe der Jahrzehnte im Heim am Wilhelminenberg massivem sexuellen Missbrauch ausgesetzt waren".

Drei Jahre zuvor, im April 2010, hatte die Stadt Wien, nach Bekanntwerden von Missbrauch und Gewalt in Kinderheimen "die Aufarbeitung des dunklen Kapitels der Wiener Jugendwohlfahrt begonnen", erinnert sich Udo Jesionek, Präsident der Opferschutz-Organisation Weisser Ring, im Abschlussbericht aus dem Jahr 2019. Der Weisse Ring war es auch, der von der Stadt Wien im Jahr 2010 mit der Betreuung der Betroffenen sowie der Abwicklung der therapeutischen, rechtlichen und finanziellen Hilfestellungen beauftragt worden war. Ein Aspekt war die Zahlung von Entschädigungen an Betroffene. Angelehnt hat man sich an das Modell, das zuvor schon die katholische Kirche für Opfer sexueller Gewalt in deren Einrichtungen erstellt hatte. Ehemaligen Wiener Heimkindern wurden zwischen 5.000 und 25.000 Euro für erlittenes Unrecht gezahlt, in Ausnahmefällen auch mehr.

Schwab (l.) und Volek vom Heimkinder-Verein. - © Georg Hönigsberger
Schwab (l.) und Volek vom Heimkinder-Verein. - © Georg Hönigsberger

Ursprünglich auf 18 Monate angesetzt, hatte die Stadt geplant, die Zahlungen Ende Oktober 2011 einzustellen. Doch zwei Wochen davor war der Skandal um das Kinderheim im Schloss Wilhelminenberg in den Medien aufgeschlagen. Hunderte weitere Opfer von Gewalt und Missbrauch meldeten sich binnen weniger Wochen beim Weissen Ring. Der damals zuständige Stadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ) setzte den Zahlungsstopp daraufhin auf unbestimmte Zeit aus.

Insgesamt sechs Jahre leistete die Stadt Wien Zahlungen an jene, die als Kinder und Jugendliche in Einrichtungen der Stadt misshandelt worden waren. Mehr als 3.000 Personen haben sich beim Weissen Ring gemeldet, 2.384 erhielten Entschädigungszahlungen. Dazu kamen insgesamt 144.000 Einheiten Psychotherapie, die den Betroffenen finanziert wurden. Insgesamt wendete Wien 52 Millionen Euro auf. Im Vergleich dazu: Die katholische Kirche zahlte österreichweit rund 27 Millionen Euro für etwa 2.000 Betroffene in ihren Heimen, Internaten und Pfarren.

Sozialstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) erklärte im März 2016 das Projekt für Wiener Heimkinder für beendet. Eine Tatsache, die Robert Volek vom "Verein ehemalige Heim- und Pflegekinder Österreichs" noch heute im Magen liegt: "Wehsely hat damals gemeint, es muss einmal vorbei sein. Aber für uns, die wir das alles erlebt haben, ist es niemals vorbei."

Heimkinder-Verein

Die "Wiener Zeitung" war am vergangenen Wochenende zu einem Treffen des Vereins in einem Gasthaus in Erdberg geladen. Obfrau Romana Schwab legte mehrere Forderungen auf den Tisch, die sie an die Politik herantragen will. Schwab, 64 Jahre alt, verbrachte einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend in Heimen der Stadt Wien: Biedermannsdorf und Altenberg in Niederösterreich, Lehrmädchenheim Nussdorf und Zentralkinderheim Währing.

"Wir fordern von der Stadt Wien, dass die Entschädigungszahlungen für die ehemaligen Heimkinder wieder aufgenommen werden", sagt Schwab. "Kärnten hat die Entschädigungszahlungen für die Opfer des Psychiaters Wurst wieder aufgenommen. Der Wiener Gesundheitsverbund hat die Zahlungen für die Opfer vom Steinhof wieder aufgenommen. An die Heimkinder wurde in Wien aber nicht gedacht." Wien, einst Vorreiter unter den Bundesländern, ist laut Volksanwalt Bernhard Achitz (SPÖ) das einzige Bundesland, dass derzeit keine derartigen Zahlungen für Opfer von Gewalt in Jugendschutzeinrichtungen leistet (siehe Interview Seite 18).

Schwab betont, dass sich weiterhin noch "viele ehemalige Heimkinder melden, die damals nicht gewusst haben, dass es Entschädigungen gibt". Auch diesen stehe die Einmalzahlung der Stadt zu, ist Schwab überzeugt. Unterstützung erfährt der Verein mit seiner Forderung von der Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft, dem Weissen Ring und der Volksanwaltschaft.

Politik hat anders entschieden

"Wir stehen hinter dieser Forderung", erklärt Natascha Smertnig vom Weissen Ring. "Wir haben von Anfang an darum gerungen, dass das große Wiener Projekt nicht zum Erliegen kommt." Die Politik habe damals aber anders entschieden. Während in den Jahren darauf "andere Länder und auch die evangelische Kirche ihre Entschädigungsprojekte wieder geöffnet haben", sei Wien beim strikten Nein zu zusätzlicher finanzieller Unterstützung ehemaliger Heimkinder geblieben.

Smertnig sagt, dass der "Weisse Ring" "jedes Jahr beim verantwortlichen Stadtrat" vorspricht. Mittlerweile hat Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr (Neos) die Agenden von seinen SPÖ-Vorgängern übernommen. "Wir werden auch an ihn herantragen, dass die Entschädigungen wieder gezahlt werden sollten." Der Weisse Ring würde sich anbieten, das Projekt, so wie in den Jahren 2010 bis 2016 wieder umzusetzen.

Die Stadt Wien lässt sich indes nicht in die Karten blicken. Der zuständige Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr (Neos) war am Freitag telefonisch nicht erreichbar, weil er an einer Corona-Infektion laboriert. Aus seinem Büro kann man daher bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe keine Angaben machen, wie die Stadt auf die Forderungen reagieren wird. Man verweist aber darauf, dass man erneut Psychotherapie für ehemalige Heimkinder finanziert und das Jugendamt beim Ansuchen für die Heimopferrente hilfreich zur Seite stehe.

Das lange Warten

Es gebe viele Gründe, die für die Wiederaufnahme von Entschädigungszahlungen sprächen, heißt es seitens des Weissen Rings. "Wir wissen, dass es vielen Betroffenen schwerfällt, sich ihrer eigenen Geschichte zu stellen", sagt Smertnig. "Es dauert oft viele Jahre, bis jemand die Kraft hat, sich dem Erlebten zu stellen." Das hat durchaus unterschiedliche Gründe. Verdrängung etwa. "Manche warten auch, bis ihre eigenen Eltern gestorben sind, ehe sie über die Vorfälle in Heimen sprechen", erklärt die Geschäftsführerin des Weissen Rings. Andere würden erst ihre Heimzeit erinnern, wenn sie "in ihrem Lebensablauf wieder in eine ähnliche Situation, etwa in ein Pflegeheim kommen. Weil sie Angst haben, dort wieder nicht selbstbestimmt zu sein, wie schon seinerzeit im Kinderheim."

Positives gibt es über das Therapie-Angebot der Stadt Wien zu berichten. Wie oben kurz erwähnt, gibt es für ehemalige Heimkinder die Möglichkeit, über die Kinder- und Jugendanwaltschaft (Kija) um Psychotherapie anzusuchen. "Wir führen die ersten Gespräche mit den Damen und Herren", sagt die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Dunja Gharwal. "Betroffene können ihre Therapien fortsetzen oder neu aufnehmen." Das erste Clearinggespräch wird von der Kija organisiert. Dann können sich die Therapeuten in Zusammenarbeit mit dem Psychosozialen Dienst eine Therapeutin oder einen Therapeuten aussuchen. Die Finanzierung übernimmt die Stadt Wien. Die Mittel dafür seien nicht begrenzt worden.

Neben der Wiedereinführung der Entschädigungszahlungen stellt der "Verein ehemalige Heim- und Pflegekinder" eine weitere Forderung an die Politik. Diesmal an den Bund. Es geht um die Heimopferrente, die seit 1. Juli 2017 von ehemaligen Heimkindern aus ganz Österreich bezogen werden kann.

Grundvoraussetzung für die Rente ist, dass man zwischen 10. Mai 1945 und 31. Dezember 1999 in einem Kinder- oder Jugendheim des Bundes, der Länder oder der Kirche oder in einer Pflegefamilie untergebracht war. Ansuchen darum kann man etwa beim Sozialministeriumsservice oder bei der jeweils zuständigen Pensionsversicherungsanstalt. Ausgezahlt wird die zusätzliche Pension prinzipiell ab dem gesetzlich erreichten Pensionsalter. Derzeit liegt sie bei 347,40 Euro monatlich. Bis Jahresende 2021 gab es 4241 Bezieher, heuer sind bereits 440 neue Fälle dazugekommen.

Vereinsobfrau Romana Schwab will die Heimopferrente ein wenig an die Verbrechensopferrente anpassen lassen. "Die Verbrechensopferrente wird sofort ausbezahlt, die Heimopferrente erst ab Pensionsantritt." "Die Opferrente gibt es ja für erlittenes Leid. Das hat nichts mit Alter oder Pension zu tun", meint ihr Vereinskollege Robert Volek.

Dass diese Forderung umgesetzt wird, scheint unwahrscheinlich. Natascha Smertnig vom Weissen Ring gibt zu bedenken, dass die Heimopferrente als unpfändbare Zusatzrente gedacht war, um die durch körperliche und seelische Qualen, beziehungsweise schlechte Schulbildung in den Heimen geminderten Erwerbsmöglichkeiten in der Pension abzufedern. "Es ist eine Pensionsrente und keine Waisenrente", sagt Smertnig.