Stand Donnerstag waren 563 Wiener Spitalsbetten mit an Covid-19-Erkrankten Patienten belegt (davon 64 Intensivbetten). Pflegepersonal berichtet von einer Zunahme an Gangbetten und einem starken Anstieg von Covid-Patienten in den Normal-Stationen. Die Ärzte schlagen Alarm: "Wir steuern geradewegs auf eine Versorgungskrise zu", sagt Gerald Gingold, Vizepräsident der Wiener Ärztekammer.

Ein Mitarbeiter der Klinik Ottakring, der anonym bleiben will, schildert der "Wiener Zeitung" die derzeitigen Zustände: "Wir haben so viele Patienten auf Gangbetten, wie schon lange nicht. Die Abteilungen sind voll." Die Kapazitäten des Spitals seien erschöpft. Und erschöpft ist auch das Personal. "Wir sind hart an der Grenze,", sagt der Klinik-Mitarbeiter, um sich gleich selbst auszubessern: "Nein, wir sind darüber hinaus."

Ein weiteres Problem, das der massive Anstieg der Infektionszahlen mit sich bringe, sei, dass mittlerweile viele an Corona Erkrankte auf den Normal-Stationen liegen. Laut dem Gesundheitsverbund handelt es sich dabei um 70 Patienten in ganz Wien.

Es könne immer wieder passieren, dass negativ aufgenommene Patienten im Laufe des Spitalsaufenthalts positiv getestet würden. "Diese positiv gewordenen Patienten sind wegen einer anderen Erkrankung aufgenommen worden", erklärt eine Sprecherin des Gesundheitsverbundes. "Diese kann auf der entsprechenden fachspezifischen Abteilung besser behandelt werden. Natürlich werden positiv auf Corona Getestete in einem Einzelzimmer isoliert und dürfen dieses nicht mehr verlassen."

1.700 Mitarbeiter zu Hause

Gangbetten seien in Wien nicht die Regel. Aber Donnerstagvormittag ist es in der Unfallabteilung der Klinik Ottakring zu einem Engpass gekommen. Einige Patienten mussten am Gang der Abteilung in ihren Betten warten. Im Laufe des Vormittags sei das Problem aber wieder behoben worden, heißt es vom Gesundheitsverbund. Das Spitalssystem in Wien sei nicht überlastet, "aber sehr belastet".

Dem widerspricht der Vizepräsident der Wiener Ärztekammer, Gerald Gingold: "Unsere Spitäler sind überfüllt, unser Personal überlastet und großteils selbst infiziert, das kann alles noch sehr hässlich enden." Von den rund 30.000 Mitarbeitern des Gesundheitsverbundes sind (Stand 15. März) 1.700 Corona-bedingt vom Dienst freigestellt.

Gingold kritisiert die Bundesregierung: "Die Regierung reißt alles auf und niemand denkt daran, welche Folgen das für das sensible Gesundheitssystem hat." Die Maskenpflicht in Innenräumen oder eine Sperre der Nachtgastronomie sind für den Ärztevertreter vorstellbar. "Derzeit feiern alle Party und liegen ein paar Tage später bei uns im Spital."

Sich in der Pandemie-Politik auf wärmere Temperaturen zu verlassen, hält Gingold für "fahrlässig". Und er befürchtet: "Das Zurückfahren der Tests, die fehlenden Investitionen in das Gesundheitspersonal in den Spitälern und bereits kursierende Überlegungen, dass man die Quarantäne für das Gesundheitspersonal abschaffen möchte, werden das Gesundheitssystem und Österreich an die Wand fahren." Er vermisse auch Pläne, wie man mit einer neuen Welle im Herbst umzugehen plane. "Hilft uns das Bundesheer, gibt es Ausweichquartiere? Ich höre von der Politik dazu nichts."

Eine Stellungnahme des Gesundheitsministeriums war bis Redaktionsschluss der "Wiener Zeitung" nicht eingelangt.

"Kurzsichtig"

Sie habe immer wieder Patienten, die behaupten, im Spital mit Corona angesteckt worden zu sein, sagt die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz. Und sie geht mit der Corona-Politik der Bundesregierung ebenfalls hart ins Gericht: "Der Ansatz, nur die Zahlen der Intensivstationen für einschränkende Maßnahmen heranzuziehen, ist kurzsichtig. Man kann ja nicht erst handeln, wenn die Sirene schon heult." Viele in der Politik "tun so, als ob Corona nur ein Schnupfen wäre".

Dabei sei es noch gar nicht absehbar, wie sich Long-Covid und andere Folgen der Erkrankung langfristig auf die Bevölkerung und das österreichische Gesundheitssystem auswirken würden. Wenn man die Infektionszahlen nicht rasch in den Griff bekomme, befürchtet Pilz, "werden am Schluss weder die Kraft, der Platz und das Personal da sein, das zu schaffen".

Eine "massive Überlastung der Spitäler und Pflegezentren", ortet auch die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) in einer Aussendung. "Die schwer arbeitenden Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhäusern und Pflegeheimen können einfach nicht mehr! Wir brauchen mehr Rückhalt von den politisch Verantwortlichen", fordert Reinhard Waldhör, Vorsitzender der GÖD-Gesundheitsgewerkschaft.

Wien verschärft

Unterdessen reagiert die Stadt Wien auf den Hilferuf aus den Spitälern. Bürgermeister Michael Ludwig verkündete Donnerstag Nachmittag, dass man die Besuchsregeln in Kliniken und Pflegeheimen ab kommender Woche verschärfen werde.

In Krankenanstalten ist künftig nur ein Besucher pro Patient und Tag erlaubt, in Pflegeeinrichtungen werden es zwei sein. Dazu dürfen nur Geimpfte und Genesene die Patienten besuchen und müssen zusätzlich einen aktuellen, negativen PCR-Test vorweisen.