"Wiener Zeitung":Warum schreibt man ein Buch über die Universität Wien in der Zeit des Austrofaschismus? 

Edmund Hellmers Kastalia-Brunnen schmückt seit 1910 den Innenhof. In der Wissenschaft hatten Frauen bis weit in die Zweite Republik an der Universität Wien nicht viel zu reden. - © schmidphotography
Edmund Hellmers Kastalia-Brunnen schmückt seit 1910 den Innenhof. In der Wissenschaft hatten Frauen bis weit in die Zweite Republik an der Universität Wien nicht viel zu reden. - © schmidphotography

Linda Erker: Es ist Neuland, eine Lücke in der historischen Forschung. Die wollte ich schließen. Denn zur Uni Wien im Austrofaschismus gab es bis heute keine Monographie - ganz im Gegensatz zu den Studien zur Uni im Nationalsozialismus. Das Buch öffnet zudem ein neues Fenster zur Austrofaschismusforschung, da es an einem Teilbereich zeigt, wie diese Diktatur agierte. Was mich ebenfalls interessierte: Etliche wichtige Akteure an der Uni Wien vor 1938 haben nach 1945 wieder Macht und Einfluss gehabt, zum Teil bis in die 1960er Jahre hinein. Aus diesem Grund sollten wir uns nicht nur kritisch mit der Rolle der ehemaligen Nazis befassen, sondern auch mit der Rolle der ehemaligen Austrofaschisten, die am Beginn der frühen Zweiten Republik federführend in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik und an der Universität Wien tätig waren. Zwar als Demokraten, aber es gibt Kontinuitäten.

Die Zeithistorikerin Linda Erker hat nun die erste umfassende Monographie zur Zeit des Austrofaschismus an der Universität Wien vorgelegt. - © schmidphotography
Die Zeithistorikerin Linda Erker hat nun die erste umfassende Monographie zur Zeit des Austrofaschismus an der Universität Wien vorgelegt. - © schmidphotography

Heißt das austrofaschistische Bildungspolitik im demokratischen Jackerl?

Zum Teil. Dass "ein kläglicher Klerikalismus" in den Hörsälen "eine fast mit Händen zu greifende Atmosphäre intellektueller Unredlichkeit" verbreitete, wie es der alles andere als linke Sozialphilosoph Ernst Topitsch formulierte, hat genau damit zu tun. Heinrich Drimmel, von der Regierung 1934 eingesetzter oberster Studentenvertreter an der Uni Wien und dann sogar österreichweit, wird Sektionschef im Unterrichtsministerium und 1954 Unterrichtsminister. Als solcher holt er auch Nazis wieder zurück an die Hochschulen.

Auch ein späterer Bundeskanzler war prominent vertreten.

Josef Klaus, der Vorgänger von Drimmel als Studentenvertreter, wird Bundeskanzler der Volkspartei von 1964 bis 1970. Beide konnten vor 1933/34 sehr gut mit antisemitischen, deutschnationalen und auch nationalsozialistischen Kollegen. Eine andere Kontinuität: Der CV wurde vor allem im Dollfuß/Schuschnigg-Regime zentraler Rekrutierungspool für Spitzenpositionen - und dann wieder nach 1945, insbesondere an der Universität. Aber es treffen einander auch ehemalige Kontrahenten aus der Zeit vor 1938 wieder. Wie Bruno Kreisky und Otto Skrbensky, der ab 1934 als Regierungskommissär für politische "Säuberungen" an den Hochschulen zuständig war. Nach 1945 wurde er Vorgänger Drimmels als für die Hochschulen zuständiger Sektionschef im Unterrichtsministerium. Kreisky war 1935 wegen illegaler politischer Arbeit von Skrbensky der Universität verwiesen und so am Abschluss seines Jusstudiums gehindert worden. In den 1950er Jahren begegnet Kreisky als Mitarbeiter des damaligen Bundespräsidenten Theodor Körner Skrbensky wieder. Laut Kreisky konnte oder wollte sich Otto Skrbensky da an nichts mehr erinnern.

Bruno Kreisky war etwas später ja dann auch der politische Gegenspieler von Josef Klaus.

Genau. Bemerkenswert ist, dass Klaus im Wahlkampf 1970 wieder mit dem latenten Antisemitismus gearbeitet hat. Da gab es die Klaus-Plakate mit dem Slogan "Ein echter Österreicher", der natürlich auf die jüdische Herkunft Bruno Kreiskys anspielte. Als Studentenpolitiker hatte Klaus bereits 1932 eine Petition unterzeichnet, dass der Pharmakologieprofessor Ernst Peter Pick nicht Dekan werden dürfe, weil er Jude sei. Hat zwar nichts genützt, Pick war und blieb Dekan. Diese breite antisemitische Stimmung an der Uni Wien lange vor 1938 ist ein wichtiges Thema in meinem Buch.

Können Sie in diesem Zusammenhang weitere Beispiele anführen?

Da gibt es eine Fülle an Beispielen. 1931 klebt an einer Säule vor der Uni ein Plakat mit der Aufschrift "Juden Eintritt verboten". Aus demselben Jahr haben wir das Foto eines Aufmarsches fackeltragender NS-Studenten mit dem Deutschen Gruß auf der Unirampe - und mittendrin steht der Rektor Uebersberger. Die Uni ist bereits in den 1920er Jahren ein Ort psychischer und physischer Gewalt von rechts. Im Herbst 1932 gibt es brutale Übergriffe von Nazis, die auf die Hochschule kommen, um jüdische Studierende zu verprügeln. Am 9. Mai 1933 müssen Studierende durch die Fenster aus einer Vorlesung Julius Tandlers fliehen, weil vor der Türe die Nazis mit Holzprügeln und Schlagringen stehen. Das damalige Café Hochschule in der Währinger Straße zeigt sich zwei Tage später mit voller Hakenkreuzbeflaggung. Aus der Biografie eines jüdischen Studenten wissen wir, dass er sich für seinen ersten Uni-Tag mit einem großen Schlüssel und Schlüsselring ausgestattet hat, um sich notfalls wehren zu können. Papier und Bleistift waren ihm nicht so wichtig.

Die Gewalt eskalierte also im Lauf der Zeit immer mehr?

Beim Mord an Moritz Schlick durch den psychisch kranken Hans Nelböck im Juni 1936 macht vor allem die nachträgliche Berichterstattung das enorme Ausmaß des Antisemitismus an der Uni Wien deutlich. Schlick war selbst nicht jüdisch, galt aber als "judenfreundlich". Mit der sukzessiven Vertreibung oder Fernhaltung jüdischer Studierender und Professoren von der Uni Wien, schon seit den 1920er Jahren, geht natürlich auch eine Austrocknung des intellektuellen Potenzials einher. Viele ziehen ihre Konsequenzen. Junge jüdische und linke Lehrende gehen in den außeruniversitären Bereich. Vor allem an die Volkshochschulen. Das waren brillante Köpfe, die nicht mehr an die Uni zurückkommen. Etliche verlassen das Land - einige freiwillig, andere zwangsweise - wie Marie Jahoda, Max Perutz, Otto Neurath, Julius Tandler oder Karl Menger.

Die kehren auch nach dem Jahr 1945 nicht wieder?

Nein. Dazu gibt es einen treffenden Begriff des Grazer Soziologen Christian Fleck. Er spricht von der "autochthonen Provinzialisierung" nach dem Krieg. 1945 war natürlich keine Stunde Null, das ist ein Mythos. Aber man hätte durch eine andre Personalpolitik einiges verändern können. Die A-Liga der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler war vertrieben, doch keiner wollte sie zurückhaben. Man bliebt also unter sich und provinzialisiert sich selbst. Nach offizieller Lesart gab es zwar Einladungen. Aber oftmals nur für Gastprofessuren. Umzug und Aufenthalt sollten sich die Leute selber zahlen. Na, da kommt niemand. Die Elite, die nach Großbritannien oder in die USA gegangen ist, die hat sich dort etwas aufgebaut. Um dann wieder zurückzukehren, muss man sinnvolle Zukunftsperspektiven haben. Doch was sieht man hier? Die alten austrofaschistischen Seilschaften, etwas später ehemalige Nazis auf den Lehrstühlen. Und für all jene, die zu belastet waren, wie der ehemalige NS-Rektor Fritz Knoll, gab es die Akademie der Wissenschaften. Dort wird er 1948 wieder Mitglied und bringt es bis zum Generalsekretär.

Wie sah es eigentlich mit dem katholischen Einfluss auf die Uni Wien aus?

In den 1920er Jahren ist die Uni Wien eine schwarze Bastion im Roten Wien, wie schon Janek Wasserman mit seinem Buch "Black Vienna" herausarbeitet. Das Rote Wien hatte den Einfluss des Klerikalen aus dem Alltag zu verdrängen versucht, aber die Uni Wien war davon ausgenommen. Da gab es zum einen noch die personelle Kontinuität aus der Monarchie und zum anderen hat man sich schnell abgeschottet. Austausch mit der Gesellschaft fand nicht statt. Die Professorenschaft, die mehrheitlich deutschnational und christlichsozial eingestellt war, hat zudem recht konsequent darauf geschaut, wer überhaupt neu zum Kollektiv stoßen darf. Die wollten mehrheitlich, dass das keine Juden und keine Linken sind. Von Frauen reden wir erst gar nicht. Über den Flaschenhals der Habilitation und der Professuren, die fast nur mehr politisch und "rassisch" genehme Personen erhielten, konnte man das gut regeln. Wenn sich das Personal nicht ändert, ändern sich auch die Inhalte kaum. Für diejenigen, die noch drinnen sind, wird es zunehmend weniger erfreulich. Manche waren schon älter und emeritierten, manche wurden von der Uni gewiesen. Kritiker der sogenannten Hakenkreuzler, wie der Prähistoriker Josef Bayer, haben in den 1920er Jahren ein Disziplinarverfahren wegen angeblicher Rufschädigung der Uni bekommen - er hat aber eigentlich nur die Missstände aufgezeigt.

Man schmorte im eigenen Saft.

Da zeigt sich ein Problem der Hochschulautonomie. So gut Unabhängigkeit sein mag, so kann sie Änderung von außen verhindern. Es wird aus der eigenen Gruppe heraus rekrutiert. Bis Ende 1932 paktieren Deutschnationale und Christlichsoziale miteinander, bei den Studierenden in der sogenannten Deutschen Studentenschaft sowie in Lehre und Forschung. Nach 1932/33 zerbricht diese Koalition. Die meisten der Naziprofessoren können zwar bleiben, aber manche sind zu regimefeindlich. Die werden ausgeschlossen. Doch das ist für sie kein Drama, die gehen als akademische Märtyrer nach Deutschland und bekommen dort gute Posten. Die Uni Wien, die katholische Kirche und das Regime rücken in der Folge noch enger zusammen. So sagt der Unterrichtsminister Pernter anlässlich der Eröffnung des Audimax, dass Glaube und Wissenschaft keine getrennten Sphären sind. An der Wand hängen dazu Kreuz und Doppeladler mit Heiligenschein. Diese Eröffnung wurde sogar live im Radio übertragen. Heute heißt das Stream.

Wenn Glaube und Wissenschaft eine Einheit bilden müssen, dann ist es ja wohl vorbei mit der freien Forschung und Lehre, dem Grundanspruch einer Universität.

Schon vor 1933 war die Uni Wien kein Hort der Freiheit von Lehre und Wissenschaft. Die Konservativen wollten immer gern unter sich bleiben. Das intensiviert sich im Austrofaschismus, der ein sehr nach innen gekehrtes System ist. Gar nicht international: Habilitationen von Nicht-Österreichern werden untersagt. Die Austrofaschisten berufen vor allem loyale katholische Leute. Natürlich war ab März 1938 der größte Bruch, als auf einmal rund 300 Lehrende aus politischen oder rassistischen Gründen rausgeschmissen wurden. Aber davor gab es in fünf Jahren Austrofaschismus bereits eine Reduktion der Professorenposten um ein Viertel. Hauptargument: Einsparung wegen der Wirtschaftskrise. Durch normalen Abgang frei werdende Posten wurden nicht nachbesetzt. Dazu kamen Früh- und Zwangspensionierungen, darunter auffällig mehr Juden. Eine treibende Kraft war da Richard Meister. Er schaut, dass Leute seines braun-schwarzen Netzwerks in guten Funktionen platziert werden, und zugleich ihm nicht Genehme von der Uni vertrieben werden. Nach dem Krieg wird Meister 1949 Rektor der Uni Wien und 1951 auch Präsident der Akademie der Wissenschaften. Das sind ja kommunizierende Gefäße. Die agieren nicht unabhängig voneinander. Parallel dazu ist Meister in den 1950er Jahren wichtigster Berater von Unterrichtsminister Drimmel, seines vormaligen Studenten. Meister ist der Prototyp derer, die immer da sind und die Listen führen, wer etwas wird und wer nicht.

Gab es im Austrofaschismus gar keine Nachbesetzungen?

Kaum. Und wenn, dann werden politische Angepasste berufen. Als es um die Nachfolge des aus politischen Gründen pensionierten Anatomen
Julius Tandler ging, eines Wissenschaftlers von Weltruf, hat man nicht geschaut, wer der Beste ist. Es wurde der gerade erst habilitierte Gustav Sauser berufen. Der kam aus derselben CV-Verbindung wie Kanzler Schuschnigg. Die "Arbeiterzeitung", die damals im Pariser Exil erschien, schrieb, dass Sauser bei Tandler nicht einmal das Rigorosum hätte bestehen können - das ist vielleicht zu streng geurteilt, aber im Kern steckt etwas Wahres. Er war halt politisch passend. Eine Diktatur muss natürlich schauen, dass sie die Uni und die Studierenden ruhig hält. Das ist auch durch Disziplinarverfahren recht gut gelungen. Man darf die Dollfuß/Schuschnigg-Diktatur jedoch nicht im Vergleich mit dem Nationalsozialismus denken. Die Austrofaschisten haben allerdings einiges vorbereitet, woran die Nazis angeknüpft haben, wie die Habilitationsordnung. Da hieß es, dass jemand aus persönlichen Gründen und ohne Begründung die Habilitation verlieren kann. Man kann sehr viel über den Nationalsozialismus in Österreich lernen, wenn man sich mit dem Austrofaschismus befasst.

Es fällt auf, dass wir bis jetzt fast ausschließlich über Männer reden. Welche Rolle spielen Frauen an der Uni Wien in jener Zeit?

Frausein und Studieren an der Uni Wien hat damals bedeutet, sich an die Handlungsspielräume, die von Männern definiert wurden, halten zu müssen. Es war so viel möglich, wie ein Mann erlaubt hat. Wenn eine Studentin einen Förderer hatte, konnte sie vielleicht im Labor arbeiten. Männer sagten, wo es Platz für die Frauen an der Uni gibt. Insgesamt stieg die Zahl der Studentinnen.

Gab es Frauen, die an der Uni Wien Professuren hatten?

Es gibt in der Zwischenkriegszeit keine einzige ordentliche Professorin. Insgesamt stehen beim wissenschaftlichen Personal knapp 1.200 Männern nur 52 Frauen gegenüber. Das sind mehrheitlich Laborantinnen oder ähnliche Positionen. Es gibt zwar auch Habilitierungen von Frauen, aber die sind dann meist sehr konservativ-katholisch geprägt. Die bekannteste Lehrende war die Entwicklungspsychologin Charlotte Bühler. Sie kam aus Dresden, war schon habilitiert und hatte eine außerordentliche Professur, die nicht vom Ministerium bezahlt wurde, sondern von der Stadt Wien. Im Austrofaschismus gibt es zudem diese Verdrängungsidee. 1933 wird dazu das Doppelverdienergesetz erlassen: Frauen im öffentlichen Dienst, die mit einem ebenfalls öffentlich besoldeten Mann verheiratet sind, müssen ihre Stelle aufgeben. Die bekommt dann ein anderer Mann. Das Gesetz entsprach einer ideologischen Ablehnung von selbständigen Frauen, ob in der Mädchenschulbildung oder im Frauenstudium: Außer Zweifel steht, dass die austrofaschistische Vorstellung einer quasi naturgegebenen und gottgewollten Geschlechterordnung sich auf den gesamten Alltag von Frauen im beruflichen wie im privaten Bereich auswirkte. Es war ein langer Weg bis heute, dass Frauen frei forschen können.

Linda Erker ist Historikerin und forscht als Post-Doc am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien zur Wissenschaftsmigration zwischen Österreich und Lateinamerika in den Jahren 1930 bis 1970.

Buchhinweis. Linda Erker, "Die Universität Wien im Austrofaschismus"

326 Seiten, V&R unipress, ISBN 978-3-8471-1362-1; 52 Euro