Die Corona-Welle ist zwar derzeit auf einem niedrigen Niveau, aber das Thema Long Covid wird dadurch nicht kleiner", erklärt Wiens ÖVP-Gesundheitssprecherin Ingrid Korosec. Sie warnt einmal mehr davor, die Sache zu unterschätzen, und fordert die Stadt auf, das Tempo in der Vorsorge zu erhöhen beziehungsweise eigene Anlaufstellen und ein entsprechendes Long Covid-Netzwerk - bestehend Forschern und medizinischem Personal - zu schaffen.

Denn in Wien habe es bisher rund 880.000 positive Corona-Fälle gegeben - 10 Prozent davon seien von Long Covid betroffen, "das ergibt fast 90.000 potenzielle Fälle, aber es gibt keine Anlaufstellen", beklagt Korosec. England hingegen verfüge bereits über 89 solcher Anlaufstellen, die in der zweiten Covid-Welle mehr als 1.500 Mal pro Woche aufgesucht worden seien. Auch in Deutschland gibt es laut Korosec bereits 70 Post-Covid-Ambulanzen und eine interministerielle Arbeitsgruppe für Long Covid. In Wien würden sich lediglich mehrere Ambulanzen finden, die bestimmte Bereiche abdecken - wie etwa die Kindermedizin in Ottakring oder die Nachsorgestation in der Klinik Penzing.

Weitere Forderungen sind der Aufbau einer Patienteninformations-Website mit Anlaufstellen, Selbstmanagement-Tools und Basiswissen zur Erkrankung sowie auch mit einer entsprechende Datenerfassung plus Auswertungsmöglichkeiten. Zusätzlich wäre laut Eva Untersmayr-Elsenhuber von der Medizinischen Universität Wien ein Versorgungszentrum - ähnlich dem Charité-Fatigue-Zentrum Berlin - nötig.

200 verschiedene Symptome

"In diesem Zentrum ist eine multidisziplinäre Zusammenarbeit der einzelnen Fachrichtungen entscheidend, da die Patienten von einer Vielzahl von Symptomen betroffen sind", so Untersmayr-Elsenhuber. "Bei Covid können bis zu 200 verschiedene Symptome auftreten, das sollte die Diagnostik in einem System sein", betont auch ÖVP-Gemeinderat und Herzchirurg Michael Gorlitzer.

Auch dem Arbeitsmarkt bereite das Probleme. "10 Prozent der Infizierten leiden an Long Covid - von den Spitalspatienten sind sogar 70 Prozent betroffen. Laut einer Studie sind demnach 20 Prozent der Betroffenen nach 6 Monaten arbeitsunfähig", sagt Korosec. Das bestätigt auch der Neurologe und Long-Covid-Spezialist Michael Stingl: "Viele Betroffene sind schon vom Arbeitsweg so erschöpft, dass sie sich eigentlich hinlegen müssten. Weil sie einfach regelmäßige Pausen bräuchten, die aber an vielen Arbeitsstellen nicht möglich sind." Die deutsche Long-Covid-Expertin Jördis Frommhold warnt wiederum davor, dass bei früheren Mutationen auch Personen an Long Covid erkrankten, die nur milde Akutverläufe durchgemacht hatten.

"Unsere Hand für eine Zusammenarbeit mit der Stadt zur Bekämpfung von Long Covid ist weiterhin ausgestreckt. Im Sinne der Wiener Bevölkerung braucht es aber rasche, effiziente und nachhaltige Lösungen", so Korosec.