Der auf der Bank liegende Antigen-Test wirkt wie eine letzte Mahnung, dass das Coronavirus sogar jetzt im Sommer zu einigen Tausend neuen Infektionen führt. Aber sonst wollen einen Tag vor Schulschluss in Ostösterreich weder Lehrer noch Schüler und auch die Eltern nichts mehr von Einschränkungen, Heimunterricht und phasenweisen drei Corona-Tests pro Woche hören. "Baby, weißt du eigentlich, wie arg du mich triffst", singt das blutjunge Duo Anger aus Südtirol beim Schulschlusskonzert 2022 im Freigelände des Gymnasiums Auf der Schmelz im großen grünen Herzen des sonst dichtverbauten 15. Wiener Bezirks.

Mit dem "Baby" ist garantiert nicht Bildungsminister Martin Polaschek gemeint, der später in einer Videoeinspielung zu Gast ist. Der Ressortchef sei "nicht greifbar" ist noch das Freundlichste, das Direktorinnen und Direktoren in Wien über den erst seit Dezember im Amt befindlichen Steirer sagen. Sein Abschlusszeugnis für das Schuljahr 2021/22 fällt sonst großteils negativ aus. Zu sehr vermissen Schulleiter und Pädagogen mehr Personal gerade angesichts der vielen Kinder in Wien, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Zu unverständlich war manchen das Vorgehen zur Corona-Eindämmung. Wobei Polaschek in der Zwickmühle ist und bleiben wird. Den einen sind Maßnahmen wie die Maskenpflicht zu streng, den anderen wurde sie zu früh aufgehoben.

Abschlusskonzert jährlich in einem Bundesland geplant

Das Schulabschlusskonzert findet trotz Corona heuer zum zweiten Mal statt, im Vorjahr war das BG Zehnergasse in Wiener Neustadt Gastgeber. Künftig soll es die Runde durch Schulen in allen Bundesländern machen. Die Schülerinnen und Schüler auf der Schmelz haben Wünsche bekanntgeben dürfen, wen sie gern sehen würden. Der Money Boy, ein Ex-Schüler auf der Schmelz, wäre angesagt gewesen, hat aber abgewunken. Was Vicent, ein Schüler der 7C, bedauert. "Es ist trotzdem ein lustiger Event", wirft ein Klassenkollegin ein.

Die eingeladene Eltervertreterin Verena Jurak freut sich vor allem für ihren noch in einer der Anfängerklassen befindlichen Sohn, dass nach einem weiteren Corona-Schuljahr ein solcher Auftritt möglich ist. Die Schule, die sie auch schon selbst besucht hat, findet sie dazu bestens geeignet: "Ich bin fast 40 und habe schon viele coole Feste da erlebt."

Moderatorin Fanny Stapf muntert die Mädchen und Burschen vor der Bühne vor dem Live-Einstieg und der Übertragung des Konzerts in ORF 1 noch schnell auf: "Macht‘s einfach Stimmung", besonders am Anfang wäre das "nice", sagt die Ansagerin im auffälligen Tiger-Suit. Auf dem Sportplatz, auf dem Ende August nach zwei Jahren Corona-Pause wieder Handball-Nachwuchsspielerinnen und -spieler beim Internationalen Schmelz-Turnier, Österreichs größtem Jugendhandballturnier, dem Ball nachjagen werden, sorgt schon die erste Nummer der Gäste-Band aus Südtirol mitten in der vormittäglich-heißen Juni-Sonne für Verzückung. Auch Initiatorin Ursula Eichler groovt mit, sie hat bereits Erfahrung aus dem Vorjahr in Wiener Neustadt.

Ein halbes Jahrhundert, nachdem die Eltern-Generation immer noch an Schulschlusstagen selig das passende "School_s out" von Rocker Alice Cooper singt und rausgrölt, ist mit "Alle Achtung" sogar jene steirische Band beim Schulschlusskonzert dabei, die auch viele erwachsene Österreicher wegen ihres Hits "Marie" kennen. Managerin Petra Reiter versichert der "Wiener Zeitung", das sei auch heuer wieder "eine Ehrensache": "Das ist so eine positive Geschichte. Das ist einfach nur ein Geschenk an die Jugend."

Schulsprecher fordert vom Minister "offene Schulen"

Auf der Bühne erinnert die sichtlich stolze Direktorin Erika Thurnher an die harten Corona-Monate: "Ich habe immer versucht, das Schuljahr halbwegs normal und die Schule betriebsfähig zu machen." Jetzt dürfe man beim Abschlusskonzert sogar das tun, was zeitweise "relativ verboten" war, nämlich singen und sich auf engem Raum drängen. Ihre Schule ist dennoch auch ausgewählt worden, weil an das Gebäude ein größerer Garten mit Ballspielplatz und Weitsprunganlage angrenzt.

Schulsprecher Leo Djuric erzählt, nach dem Homeschooling habe man sich erst wieder an den Schulalltag gewöhnen müssen. Seine Botschaft an den Bildungsminister ist auch unmissverständlich: Für das kommende Schuljahr wünsche man sich, "dass die Schulen offen bleiben." Was im Detail in Sachen Corona zu tun sein wird, werden Schulleiter, Schüler und Eltern allerdings erst eine Woche vor Schulbeginn am 29. August von Minister Polaschek erfahren.

Am Freitag gibt es noch für knapp eine halbe Million Schüler die Jahreszeugnisse. Die Mädchen und Burschen in den sechs anderen Bundesländer müssen hingegen eine weitere Woche schwitzend durchhalten.

Polaschek unterwegs durch die Bundesländer

Der Bildungsminister nützt die letzten beiden Schulwochen für Besuche in den Bundesländern - beginnend am vergangenen Montag bei der Vorarlberger Bildungslandesrätin Barbara Schöbi-Fink über Oberösterreich. Seine langen Haare und den Zopf als spätes Zeichen hippiemäßiger Unangepasstheit hat der frühere Rektor der Grazer Universität bei der Angelobung im Dezember inzwischen einem modern, mediengerechteren Zuschnitt geopfert.

Die Schülerinnen und Schüler werden eine Textzeile von Anger liebend gern mit in die Ferien nehmen: "Baby, ich will niemals wieder schlafen gehen."