Nachdem Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) Ende Juni auf einen angeblichen Videoanruf seines ukrainischen Amtskollegen in Kiew hereingefallen war, der sich später als Fake herausstellte, ist nun das dazugehörige Video aufgetaucht. Es wurde am Dienstag auf dem russischen Videoportal Rutube veröffentlicht. Der verifizierte Kanal gehört dem pro-russischen Prank-Duo Vovan und Lexus. Doch handelt es sich bei dem Video um authentisches Material?

Einschätzung: Abseits des Zusammenschnitts gibt es keine Hinweise auf eine Bildmanipulation wie etwa einen sogenannten Deepfake.

Überprüfung: Am 22. Juni 2022 erklärte Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) auf Twitter, mit dem Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko telefoniert zu haben. In einer Videokonferenz sei die Situation in der Ukraine besprochen worden. Klitschko gab ein paar Tage später bekannt, er habe nicht mit Ludwig gesprochen. In einem Video sprach er von einem "falschen Klitschko" und riet, sich für offizielle Gespräche an offizielle Kanäle zu halten. Zudem stellte er klar, für Gespräche auf Deutsch oder Englisch keinen Übersetzer zu brauchen. Ludwig räumte ein, beim angeblichen Gespräch Video-Gespräch mit Klitschko getäuscht worden zu sein. Sein Tweet dazu wurde gelöscht, eine archivierte Fassung findet sich noch im Internet.

Ludwigs Aussagen im jetzt aufgetauchten Video decken sich mit dem von ihm in dem Tweet genannten Gesprächsinhalt. Teilweise wirkt er irritiert ob der skurrilen Fragen, antwortet aber stets in Bezug auf seine berufliche Rolle plausibel. Für die Authentizität des Rutube-Materials spricht, dass einige Merkmale im Video auch in Ludwigs Twitter-Foto erkennbar sind. Auf dem Bildschirm sieht man den blauen Hintergrund mit den Logos der Stadt Wien, vor dem Ludwig sitzt. Außerdem sind die Flaggen rechts neben dem Bürgermeister und das Wappen der Stadt Wien vor ihm klar ersichtlich. Im Twitter-Foto sieht man über dem Bildschirm die Computerkamera, dessen Winkel zum Videoausschnitt von Ludwig passt.

Keine Ungereimtheiten

Hinweise auf eine Manipulierung des tatsächlichen Videomaterials der Videokonferenz abseits des Zusammenschnitts gibt es keine. Zwar ist dies bei der bestehenden Video- und Audioqualität sowie verzögerter Mikrofonaktivierung schwer einzuschätzen, allerdings fallen keinerlei Ungereimtheiten auf. Die Mimik und Gestik des Wiener Bürgermeisters wirken auch bei Seitenbewegungen authentisch. Im Mundraum sieht man bei Sprechbewegungen regelmäßig Zunge und Zähne - ein Detail, mit dem viele Deepfakes noch Probleme haben. Es fallen zudem keine grafischen oder akustischen Unregelmäßigkeiten auf. Dies trifft auch auf den glaubwürdigen Dialekt und die Stimmlage zu.

Auch aufgrund der für die Veröffentlichung gewählten Kanäle kann das Bildmaterial als authentisch angesehen werden. Das Ludwig-Video wurde am 9. August neben Rutube auch auf Youtube und Reddit veröffentlicht. Auf all diesen Kanälen finden sich weitere Irreführungen namhafter Politiker und Prominenter. Neben dem Warschauer Bürgermeister Rafał Trzaskowski oder dem Budapester Bürgermeister Gergely Karácsony wurden etwa auch die Schriftsteller Stephen King oder Joanne K. Rowling berühmte Ziele der prorussischen Komiker. Obwohl die Videos der Letzteren bereits vor mehreren Wochen veröffentlicht worden sind, gab es von den Betroffenen bis jetzt keine Einwände, dass es sich um nicht authentisches Bildmaterial handeln würde.

2015 hatten Vovan und Lexus bereits den britischen Popstar Elton John getäuscht, indem sie sich bei einem Telefonanruf als Wladimir Putin ausgegeben hatten, der angeblich über Rechte für Homosexuelle diskutieren wollte. Weitere Ziele waren US-Ex-Präsident George W. Bush, Prince Harry oder Justin Trudeau.

Bei den ersten russischen Awards für Internetbeiträge wurde das prorussische Duo nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur TASS im Juni 2022 für seine Aktionen geehrt. Den Preis bekamen sie von der Sprecherin des russischen Außenministeriums überreicht. Gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin oder ihr eigenes Land würde das Duo laut eigenen Angaben nie eine ihrer Aktionen richten.

Ein Sprecher von Ludwig sagte, dass es sich bei dem Video um einen "ganz klaren Zusammenschnitt" handle. Das Gespräch habe länger gedauert als das rund zehnminütige Video. Darüber, ob die Aufzeichnung sonst manipuliert worden sei, lasse sich keine Aussage treffen. Das Material werde näher untersucht.(apa)