So ungeschminkt wird Bildungsverantwortlichen selten mitgeteilt, dass sich Schulleiter von ihnen mit den Herausforderungen im Alltag im Stich gelassen fühlen. In einem geharnischten Schreiben, das der "Wiener Zeitung" vorliegt, hat die Vereinigung der Wiener Pflichtschuldirekoren vom Mittwoch an einen zuständigen Abteilungsleiter der Bildungsdirektion der Stadt Wien sieben Bereiche von Beanstandungen aufgelistet, vom Ablauf bei Deutschförderklassen bis zu "übervollen Klassen".

Die Bildungsdirektion wies auf Anfrage am Donnerstag darauf hin, das unabhängig von diesem Brief Vertreter der Bildungsdirektion der Stadt Wien mit Vorsitzenden der Pflichtschuldirektoren einen Termin für 7. November geplant hätten.

Der zentrale Vorwurf der Direktoren an jene Abteilung, die seit dem Bildungsreformgesetz 2017 für die Stadt Wien die Lenkung der Schülerströme vornimmt, lautet: "Die Herausforderungen, die letztendlich dadurch an den betroffenen Schulstandorten entstehen, will keiner wahrnehmen beziehungsweise fühlt sich keiner dafür zuständig - es scheint auch jedem egal zu sein, ob unter diesen Umständen die Arbeit in den Schulen noch verrichtet werden kann."  Bei einem Gesprächstermin hoffe man "dennoch auf konstruktive Lösungen", die auch den einzelnen Schulen ein "ein Arbeiten ermöglichen", wird abschließend festgehalten.

"In Krisensituationen nicht alles optimal"

Die Bildungsdirektion betonte, der Krieg in der Ukraine habe massive Auswirkungen, auch auf Österreich. "Leider kommt es bei krisenhaften Situationen dazu, dass nicht alles optimal läuft", hieß in einer Stellungnahme an die "Wiener Zeitung". Wien habe mehr als 4.000 ukrainische Schülerinnen und Schüler in das Schulsystem integriert. Das seien rund 1.000 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine mehr als in Niederösterreich und mehr als sieben anderen Bundesländer zusammen in ihren Schulen unterrichten würden. Außerdem habe ein Abteilungsleiter bereits direkt auf ein erstes Schreiben der Direktoren geanwortet.

Mit freundlichen Grüßen

Lage in Wiens Schulen herausfordernder

Das Schreiben ist bereits eine erneute Stellungnahme von Leitern von Volks- und Mittelschulen auf eine als schnoddrig empfundende Antwort aus der Bildungsdirektion nach einem ersten Brief. So seien einige betroffene Schulen nicht persönlich informiert oder kontaktiert worden über die Eröffnung neuer Klassen. Besonders ungehalten ist die Vereinigung der Pflichtschuldirektorinnen und -direktoren über das Auffüllen von Klassen bis zur Höchstzahl von 25 Schülen und den Hinweise, dass alle Fragen dazu an das Bildungsministerium zu richten seien. Denn gerade in Wien sei die Lage wegen der hohen Anzahl von Schülern, bei denen Deutsch nicht die Muttersprache sei und deren Elterrn aus "bildungsfernen Schichten" kämen, um einiges herausfordernder.

Dabei werde komplett außer Acht gelassen, dass Schulleiter mit Beschluss des Schulforums laut den Bestimmungen der Schulautonomie eine Klassenschülerhöchstzahl festlegen könnten. Bei  Zuweisungen werde weiters die Größe von Klassenräumen nicht berücksichtigt, wird der zuständigen Abteilung der Bildungsdirektion vorgehalten. Darüber hinaus werden Repetenten erst recht zu "übervollen" Klassen führen.

Schuldirektionen als "Blitzableiter" für Eltern

Für Verärgerung sorgt auch, dass Schulleiter für Eltern als eine Art Blitzableiter bei Problemen herhalten müssen, weil in der Bildungsdirektion telefonisch niemand erreichbar sei. Mütter und Väter würden ihren "Frust" darüber erst recht bei den Schulleitungen ablassen. Das war offenbar in den ersten Wochen des heurigen Schuljahres häufig der Fall, weil tausende Kinder erst Schulen zugewiesen werden mussten.

Probleme bei Strafanzeigen

Tief lässt auch der Unmut über die Vorgangsweise bei Strafanzeigen blicken. Von Seiten der Bildungsdirektion wurde auf einen diesbezüglichen Erlass verwiesen. Das Prozedere bei Strafanzeigen "ist uns klar", schrieben daraufhin die Schulleiter. Es sei aber "nicht verständlich", dass von Seiten der Abteilung der Bildungsdirektion eine Schüleraufnahme erfolgen könne, obwohl nicht geklärt sei, wer erziehungsberechtigt sei; keine Daten der Erziehungsberechtigten aufgenommen würden und nicht geklärt sei, ob der Schüler Deutsch spreche oder einen Platz in einer Deutschförderklasse benötige. Diese Daten müssten jedoch in das vorgesehene System eingegeben werden. Dabei sei "oftmals nicht mehr als eine Mail-Adresse" vorhanden.