Wien.

Nicht allen Häftlingen wird die Flucht aus der Justizanstalt Josefstadt derart leicht gemacht. - © Christian Kreuziger / picturedes
Nicht allen Häftlingen wird die Flucht aus der Justizanstalt Josefstadt derart leicht gemacht. - © Christian Kreuziger / picturedes
Wie konnte so etwas nur passieren? Diese Frage stellen sich derzeit nicht nur die Vertreter der heimischen Justiz: Wie erst jetzt bekannt wurde, entwischte am 30. Juni ein 31-jähriger Häftling aus der Justizanstalt Wien-Josefstadt mit einem scheinbar simplen Trick - er gab sich nämlich als sein Mitinsasse aus, der zur Enthaftung vorgesehen war. Nun ist nicht nur der verdächtige Einbrecher untergetaucht, sondern auch sein Zellengenosse musste freigelassen werden, weil man ihm die Mittäterschaft nicht nachweisen konnte. Der Fall reiht sich jedenfalls in eine lange Liste ähnlicher Justizpannen ein.

Vor allem werden Erinnerungen an den Fall "Ivan Ivanov" wach, der 2005 einen ähnlichen Coup in der Josefstadt landete: Nach einem Gespräch mit seinem Anwalt, inklusive Kleidertausch, spazierte der Geldfälscher als falscher Advokat seelenruhig beim Hauptausgang hinaus. Als Folge wurden biometrische Kontrollen an den Ein- und Ausgängen eingeführt.

Der heimischen Justiz kann man freilich nicht nur auf raffinierte Weise entkommen, manche schaffen es sogar humpelnd: So gelang erst im Jänner einem 33-jährigen Häftling, der sich zuvor aus dem dritten Stock einer Wohnung gestürzt hatte, im Wiener AKH die Flucht vor den Justizwachebeamten. Obwohl der mutmaßliche Drogendealer einen Gipsfuß trug.

Für heftige Diskussionen sorgte im Herbst 2010 auch ein Interview mit Inzest-Täter Josef F. in der Justizanstalt Stein: Ein Journalist hat dabei die Sicherheitsvorkehrungen übertölpelt und sich als Mitarbeiter des Anwalts des lebenslang Inhaftierten ausgegeben.

In Erinnerung ist auch noch der Fall jenes Justizbeamten im "Grauen Haus", der ungehindert zuvor beschlagnahmte Drogen an sich nahm und damit dealte. Der 52-Jährige wurde im Mai zu vier Jahren Haft verurteilt - und an seinem früheren Arbeitsplatz wurden die Sicherheitsvorkehrungen seither verschärft.

Konsequenzen wird es nach dem Häftlingstausch freilich auch in "Landl" geben: Künftig soll die Identität der Insassen zweifelsfrei mit Fingerabdrücken festgestellt werden. "Das wird in den nächsten Wochen umgesetzt", kündigt Cornelia Leitner, die Sprecherin der Vollzugsdirektion, an. Man warte nur noch auf die entsprechende technische Ausstattung.

Jenen Beamten, die sich derart übertölpeln ließen, drohen disziplinarrechtliche Konsequenzen - der mutmaßliche Mittäter hat indes nichts zu befürchten: Zwar wurde der 43-Jährige bei der Staatsanwaltschaft wegen Begünstigung angezeigt, diese stellte mangels Vorsatz jedoch die Ermittlungen ein. Vom 31-jährigen Nikola B., dessen Prozess am Dienstag angesetzt war, fehlt weiter jede Spur - er dürfte in Serbien sein.

"Foto in jedem Akt"


Dass diese Panne erneut in der Josefstadt passiert ist, ist für den Strafvollzugsexperten Wolfgang Gratz kein Zufall: "So etwas passiert natürlich in einem Massenbetrieb mit 12.000 Insassen, wo es aufgrund der U-Häftlinge eine hohe Fluktuation gibt, viel leichter." Dennoch hätte die Panne nie passieren dürfen: "Da in jedem Akt ein Foto liegt, dürfte der Beamte nicht richtig geschaut haben - immerhin gibt es zwischen den beiden Häftlingen ja einen erheblichen Altersunterschied", so Gratz. Insgesamt liege Österreich bei den Fluchtzahlen aber leicht unter dem internationalen Schnitt.