Wien.

Vorzeigeprojekt oder zerstörter Denkmalcharakter? Die Simmeringer Gasometer zehn Jahre nach dem Umbau.
Vorzeigeprojekt oder zerstörter Denkmalcharakter? Die Simmeringer Gasometer zehn Jahre nach dem Umbau.
Halb Wien war auf den Beinen: Als die Gasometer am 31. August 2001 mit einem pompösen Fest eröffnet wurden, platzten die vier ehemaligen Gastürme aus allen Nähten. 130.000 Besucher stürmten allein an diesem Tag in das von Medien und Stadtpolitikern erkorene "neue Wahrzeichen" von Wien. Zehn Jahre später ist vom Rummel der Eröffnungstage nichts mehr zu spüren - und anders als beim äußerst erfolgreichen Museumsquartier ist an ein Fest zum zehnjährigen Jubiläum nicht zu denken.

"Wir haben deshalb keine Feier geplant, weil der Fokus derzeit darauf liegt, dass die positive Entwicklung anhält", formuliert es Hubert Greier, Sprecher der Gasometer-City, diplomatisch. Tatsächlich hat der schon kurz nach der Eröffnung eingesetzte Niedergang des Einkaufszentrums das Negativimage des gesamten, 175 Millionen Euro schweren Megaprojekts nachhaltig geprägt. Die Liste jener Marken, die die Shopping-Mall rasch verlassen haben, ist ebenso lang wie prominent: H&M, Esprit, S.Oliver, Marionnaud, Nico, Verkehrsbüro, Schöps, Tango, Pischinger. Als 2006 mit Giga-Sport der damals größte Mieter verlustig ging, brach bei den Besitzern - die städtische Gesiba und die Wohnbautochter der Gewerkschaft GPA-djp - endgültig die große Krise aus. Verkaufsabsichten scheiterten am zu geringen Erlös, außerdem musste man befürchten, dass ein neuer Besitzer das Einkaufszentrum dichtmachen und damit die Nahversorgung für die 600 integrierten Wohnungen wegfallen könnte. Also wurde die Mall trotz negativer Bilanz und negativen Eigenkapitals mitgeschleppt - und fieberhaft an einer Rettung gearbeitet. Mehrmals wurde das Center-Management ausgewechselt, das sich an jeweils neuen Konzepten versuchte. Zunächst wenig erfolgreich: So bemängelte das Wiener Kontrollamt anno 2009 einen existenzgefährdenden Leerstand von 35,1 Prozent.

Leerstand ging zurück


"Mittlerweile sind wir nur noch bei 15 Prozent. Der Weg ist erfolgreich", berichtet Greier heute. Der "Weg", das ist eine radikale Abkehr von gängigen, auch anderswo in Wien vertretenen Marken - hin zu spezifischen Fachgeschäften. Bestes Beispiel sind etwa die großen Geschäfte von Babywaltz und Klangfarbe, Österreichs größtem Musikgeschäft. "Wir sind der komplette Frequenzbringer für den Gasometer geworden und haben fast 20 Prozent Umsatzplus gegenüber dem alten Standort", sagt Klangfarbe-Chef Christian Eibl. Allerdings wünscht er sich vom Management mehr Aktivitäten und vom Rathaus eine rasche Umfeld-Entwicklung - vor allem Richtung Medienquarter St.Marx. "Derzeit stirbt das Ganze ab 16, 17Uhr aus. Es ist kein urbanes Lebensumfeld vorhanden", meint Eibl.

Doch es gibt weiterhin Rückschläge: Im Vorjahr groß angekündigt, musste das erste heimische Sport-Geschäft der Weltmarke Joma schon nach drei Monaten die Segel streichen. Wegen "interner Probleme" und nicht wegen mangelnder Kundschaft, beteuert Greier. Die Uhr tickt jedenfalls für das Management: Bis 2015 soll das Einkaufszentrum den Sprung in die schwarzen Zahlen schaffen, erklärt der Sprecher.

Dass dies schwierig wird, weiß mit Manfred Wehdorn auch einer der maßgeblichen Gasometer-Architekten: "Die Mall ist vollkommen danebengegangen - das haben wir Architekten, die wir hier nicht eingebunden waren, von Anfang an prophezeit." Klarerweise fahre niemand von der City in den Gasometer, um sich eine Unterhose zu kaufen. "Man braucht von sich aus so attraktive Geschäfte, damit die Leute nicht bloß wegen der Architektur kommen", erklärt Wehdorn, der ebenfalls Hoffnung in die schleppend verlaufene Umfeld-Entwicklung setzt. "Es fehlt jetzt einfach das Leben und das Treiben."

"War Schnapsidee"


Zuletzt gab es freilich auch immer wieder Kritik an der Grundsatzentscheidung, die Gasometer dank hoher Förderung mit Wohnungen vollzustopfen. Der Stadtplaner Reinhard Seiß etwa sprach von einer "Schnapsidee", bekrittelte die Zerstörung eines Denkmals und wies auf unattraktive, schlecht belichtete Wohnungen sowie fehlende Grünflächen hin. Wehdorn widerspricht: Die Gasometer für Wohnzwecke würden international als Vorzeigeprojekt angesehen; so beschäftige sich demnächst eine Konferenz in Florenz mit dem Thema. "Das war ein spektakulärer Volltreffer. Die Wohnzufriedenheit ist hoch." Doch nicht alles sei gelungen: So wirke sich etwa die Beschattung durch den Zubau am Gasometer B (siehe Bild) negativ auf die dortigen Bewohner aus.