Wien. Er liegt versteckt im Innenhof des Seniorenwohnheims Rossau, in der Seegasse 9 am Alsergrund. Im 16. Jahrhundert wurde der jüdische Friedhof dort angelegt. Das von einer Mauer umschlossene Friedhofsareal (rund 2000 Quadratmeter) befindet sich heute im Innenhof des Seniorenwohnheims Rossau, in der Seegasse 9 am Alsergrund. Insgesamt handelt es sich um 349 erhaltene Grabdenkmäler, von denen 108 (teilweise nur fragmentarisch vorhanden) an der Mauer befestigt sind.

Während der NS-Zeit musste der gesamte Gräber-Bestand entfernt werden. Es verblieben lediglich ca. 100 in den Nischen vermauerte Grabsteine und Fragmente. Über 200 Grabsteine wurden dann von der jüdischen Gemeinde in den 1940er Jahren am Zentralfriedhof versteckt. Diese wurden erst 1984 wieder rückgeführt und bilden den heutigen Bestand des Gräberfeldes. Vor Beginn der Arbeiten fand 2004 eine umfassende Grundlagenforschung und Bestandsaufnahme statt, die zur Erstellung des Maßnahmenkatalogs führte. 2006 wurden Notsicherungen durchgeführt und statisch instablie Grabsteine fachgerecht gelagert. Die Restaurierung der Grabsteinfragmente in der Friedhofsmauer begann 2008, die Sanierung der Grabsteine samt Fundamentierung läuft seit 2010.

Kultur-Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny (links) am jüdischen Friedhof in der Seegasse. - © PID / Ismail Goekmen
Kultur-Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny (links) am jüdischen Friedhof in der Seegasse. - © PID / Ismail Goekmen

Für Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny ist der bewusste Umgang der Stadt mit ihrer Vergangenheit wichtig: "Der Jüdische Friedhof Seegasse ist ein kulturhistorisches Juwel der Stadt. Ein Ort, der wichtige Kapitel der Stadt im Zeitraffer erzählt." Im Beirat des Wiener Altstadterhaltungsfonds wurde außedem vor Kurzem die Restaurierung von weiteren 24 Grabsteinen des Friedhofs Seegasse für das laufende Jahr beschlossen: "In den letzten Jahren hat die Stadt viel unternommen, um Wiens ältesten jüdischen Friedhof zu erhalten. Mit der Restaurierung des Friedhofs St. Marx und der Sanierung von 43 jüdischen Ehrengräbern am Zentralfriedhof ist dies ein weiteres Mosaik im Gesamtbild der umfassenden Wiener Erinnerungskultur", so Mailath.

Der "sprechende Fisch" am jüdischen Friedhof in der Wiener Seegasse. - © PID / Ismail Goekmen
Der "sprechende Fisch" am jüdischen Friedhof in der Wiener Seegasse. - © PID / Ismail Goekmen

Eine bewegte Geschichte
Der Friedhof wurde um 1540 (ältester Grabstein) angelegt, erstmals 1582 urkundlich belegt und 1629 als "Juden-Freithoff" am oberen Werd erwähnt.
Als die Juden 1670 unter Leopold I. aus der Stadt vertrieben wurden, erlegte der Kaufmann Koppel Fränkel 4000 Gulden für die Zusicherung des Magistrats, dass der Friedhof "auf ewige Zeiten" erhalten bleibe. Ab 1696 ist der Bankier Samuel Oppenheimer als Eigentümer des Friedhofs bekannt, der ihn instand setzen und eine Steinmauer errichten ließ. Der Friedhof wurde daraufhin bis 1784 belegt. Im Zuge der josephinischen Reformen musste der Friedhof zwar stillgelegt werden, sein Fortbestand war aber garantiert.

Jüdische Gemeinde rettete Grabmäler vor den Nazis
Die unvergleichliche Katastrophe der Naziherrschaft traf auch den Friedhof in der Seegasse: Die Ratsherrensitzung vom 8. Jänner 1941 beschloss die Auflösung aller jüdischen Friedhöfe Wiens, was zur Schändung der Grabstätten durch Exhumierungen und Entwendungen von Grabsteinen führte.

Durch unermüdlichen Einsatz jüdischer Gemeindemitglieder konnten Grabsteine und Gebeine gerettet und am Zentralfriedhof Tor 4 versteckt werden. Unter einem mächtigen Erdhügel überdauerten sie Krieg und Bomben. Vor Jahren wurden sie entdeckt und in die Seegasse zurückgebracht.

Ein gültiger Vertrag anno 1670 wird 1978 erneuert
Als die Gemeinde Wien 1978 das Spitalsareal (dieses war während des Zweiten Weltkriegs Kriegslazarett) erwarb, verpflichtete sie sich auch, den Friedhof zu restaurieren. Der aus dem Jahr 1670 stammende und noch immer gültige Vertrag über die "Unantastbarkeit für alle Zeiten" des Friedhofes, wurde unter Bürgermeister Leopold Gratz 1978 neu festgeschrieben, wobei die Gemeinde Wien auch die Betreuung und Instandsetzung des Gräberfeldes übernahm.

Die wiedergefundenen Grabsteine wurden ab 1982 neu festgestellt und identifiziert, und bis 4. September 1984 neu versetzt (Einweihungstermin). Ein maßstabgetreuer Plan von Wachstein und der vorhandene Baumbestand diente der Rekonstruktion der Grabstätten.

Zahlreiche prominente Vertreter der Wiener Gemeinde, wie etwa die Rabbiner Menachem Hendel (1611) und Simeon Auerbach (1631), Kaufmann Jakob Koppel Fränkel (1670), Bankier Samuel Oppenheimer (1703) oder Diego de Aguilar und Samson Wertheimer (beide im Staatsdienst), fanden hier ihre letzte Ruhestätte.

Der Friedhof ist tagsüber durch das Seniorenwohnheim Rossau zu betreten.