"Wiener Zeitung":Die Spitalslandschaft Wiens wird sich mit dem neuen Konzept bis 2030 komplett verändern. Heute ist die Grundsteinlegung vom neuen KH-Nord. Weshalb braucht Wien ein neues großes Spital?

Wilhelm Marhold: Es geht um einen Ausgleich. Die Bettenmessziffer ist im Westen von Wien dreimal so hoch wie im Osten. Die Bevölkerung der Bezirke über der Donau, Floridsdorf und Donaustadt, wächst jedoch. Unsere derzeitigen Spitäler stammen großteils aus der Kaiserzeit, sie sind mittlerweile bis zu 120 Jahre alt. Das KH-Nord ist ein Infrastrukturprojekt und es ermöglicht uns eine bessere Betriebskostenstruktur. Wir reinverstieren nicht mehr in kleine alte Häuser, sondern in ein neues Spital. Das erspart Fixkosten.

Welche Spitäler schließen?

Das Krankenhaus Floridsdorf, die Semmelweisklinik, das Orthopädische Spital Gersthof übersiedeln zur Gänze ins KH Nord. Einzelne Abteilungen des Otto-Wagner-Spitals und des KH Hietzing ziehen nach Floridsdorf um; wie die Pulmologie, Lungenchirurgie, Regionalpsychiatrie, Herzchirurgie, die Kardiologie.

Was passiert mit den dann leeren Standorten?

Die Nachnutzung wird der KAV nicht selber machen. Das übernimmt die Wiener Stadtentwicklungsgesellschaft.

Wie geht der Bau des KH-Nord voran?

Wir sind total im Zeitplan. Im Mai 2006 haben wir das Projekt europaweit ausgeschrieben. Wir werden ein Industriegrundstück in ein hochwertiges Gesundheitsareal umwandeln. Jetzt beginnt der Rohbau, 2015 folgt die technische Inbetriebnahme und bis Spätsommer wird es fertig sein.

Wie sind die Kosten für dieses Projekt geregelt?

Wir bekommen einen 300-Millionen-Euro-Kredit durch die Europäische Investitionsbank, die hat unser Projekt ein Jahr lang geprüft. Insgesamt wurde das KH Nord auf Preisbasis 2009 mit 825 Millionen Euro kalkuliert, exklusive Finanzierungskosten.

Die Stadt will Privatpatienten in die Gemeindespitäler locken. Das KH Nord wird ausschließlich Ein- bis Zweibettzimmer haben. Unterstützt das nicht die Zweiklassenmedizin?

Unser Anliegen war es insgesamt den Standard zu heben. Wir wollen mit unseren Spitälern nicht mehr den Standard der 60er Jahre haben. Dass wir den Anteil an Privatversicherungen erhöhen wollen, ist nichts moralisch Verwerfliches, immerhin bekommen wir dadurch Geld. Wir haben den Standard aber für alle. Wir haben Einbettzimmer für Privatpatienten, Zweibettzimmer für die allgemeine Klasse und pro Station gibt es ein Vierbettzimmer als Überwachungsraum.

Die Ordensspitäler in Wien sehen sich oft im Nachteil, was die Finanzierung der Spitäler betrifft. Was sagen Sie dazu?

Ich kann nur sagen, da gibt es keine Gegnerschaft. Wir haben etwa mit zwei Ordenspitälern sehr gute Kooperationen.

Wie ist so ein riesiges Spitalskonzept überhaupt bewältigbar. Was erwartet die Patienten?

Niemand braucht Angst haben. Die Leistungen werden alle immer erbracht. Wir wollen nur nicht die alten Häuser erhalten müssen. Wir werden die Übergangszeit so gut als möglich überbrücken.

Zur Person:
Wilhelm Marhold ist seit 2005 Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbunds (KAV).