Wien. Wien muss über den Tellerrand blicken. Und zwar weit darüber, wenn es in der Liga internationaler Wirtschaftsmetropolen mitspielen will. "Warum ist München euer Problem? Ihr konkurriert nicht mit München, sondern mit London, Dubai und Singapur", sagt Mihir Desai, Wirtschaftsprofessor an der amerikanischen Eliteuniversität Harvard.

Harvard-Professor Mihir Desai: "Keine Konkurrenz mit München, sondern mit London." - © Khorsand
Harvard-Professor Mihir Desai: "Keine Konkurrenz mit München, sondern mit London." - © Khorsand

Wer global reüssieren will, muss auch global denken. Nicht darüber grübeln, dass in München, das Bier besser schmeckt, sondern in Singapur Passagiere vom Flughafen zu ihrer Haustür maximal 45 Minuten benötigen dürfen. So will es die Regierung.

So sieht internationaler Wettbewerb tatsächlich aus. Dass Wien als Drehscheibe für die Märkte in Mittel- und Osteuropa fungiert, leuchtet Desai ein, doch müsse Österreich stärker für diese Märkte "missionieren", wie er sagt. "Ihr müsst diese Märkte bewerben. Was gut für sie ist, ist gut für euch." Strategisch wäre es notwendig, für diese Märkte Expertise zuzuliefern. Doch Österreich mangle es an qualifizierten Fachkräften. Ein Kritikpunkt, der von vielen Unternehmern auf dem ersten europäischen Headquarter Kongress angebracht wurde. So erzählte eine Teilnehmerin, dass ihre Firma mit Mühe und Not ein paar Ingenieure aus dem Ausland aufgetrieben habe. Nun bange sie, dass ihr auch nur ein einziger abspringen könnte und sich zurück ins Heimatland verabschiedet.

Selten im Ausland

John Heugle lebt seit zehn Jahren in Österreich. Der Amerikaner ist Chef des steirischen Halbleiter-Herstellers ams. Natürlich mangle es nicht an der Lebensqualität in Österreich. Doch fehle es an den Leuten und der richtigen Einstellung. So kritisiert Heugle die mangelnde internationale Erfahrung vieler Österreicher. Vergangenes Jahr habe er sein 25-köpfiges Management-Team mitsamt seinen Familien für sechs Monate nach Shanghai geschickt. "Für viele Österreicher, war es das erste Mal, dass sie überhaupt im Ausland gelebt haben", sagt Heugle.

Österreich leide an denselben Strukturen wie der Rest Europas - zumindest in seinen Augen. Rigide Steuerstrukturen, die es unprofitabel machen, ausländische Kräfte nach Österreich zu bringen, eine überbordende Bürokratie, die Unternehmen lähmen sowie eine Mentalität, die kein Versagen erlaubt. "Wer in Europa in Konkurs geht, ist ein Paria fürs Leben", sagt er. In Amerika ist das Konkursrecht ein anderes, da wird auch leichter vergeben. "Versagen muss eine Option sein dürfen. Dann riskieren die Leute auch etwas." Nur so entstehen Unternehmen, Arbeitsplätze und Headquarters, mit denen Wien in internationalen Rankings auftrumpfen kann.