Freundlich blickende Totenköpfe und reichlich Gaben für die Verstorbenen, die am "Dia de los Muertos", dem Tag der Toten, eingeladen werden. Jenis - © Stanislav Jenis
Freundlich blickende Totenköpfe und reichlich Gaben für die Verstorbenen, die am "Dia de los Muertos", dem Tag der Toten, eingeladen werden. Jenis - © Stanislav Jenis

Wien. Wenn die Nächte länger, die Tage kürzer werden und die Temperaturen sinken, neigt sich ein Jahreszyklus dem Ende zu. Am 31. Oktober und 1. November wird in vielen Kulturen der Toten gedacht. Der Wiener geht traditionellerweise auf den Friedhof, vor allem der Zentralfriedhof wird in diesen Tagen von vielen Menschen besucht. Der Tod erfährt in Wien auch eine besondere Verehrung, sang doch schon Georg Kreisler "Der Tod, das muss ein Wiener sein". Und dann gibt es da auch noch den Song "Es lebe der Zentralfriedhof" von Wolfgang Ambros. Auch wenn diese Lieder humorvoll sind, ist das Wiener Gedenken meist melancholisch. Neben Halloween, das seinen Ursprung im keltischen Samhain hat und eine eher schaurige Verbindung mit dem Thema Tod herstellt, hat sich in Mexiko die Tradition des "Dia de los Muertos" - des "Tages der Toten" - erhalten.

"Es ist ein fröhliches Fest", erzählt die Wienerin Gitti Rattay, die acht Jahre in Mexiko gelebt hat und dieses Jahr bereits zum vierten Mal den Tag der Toten im WUK ausrichtet. Als studierte Anthropologin hatte sie ihr Interesse an der lateinamerikanischen Ethnomedizin nach Mexiko geführt.

Lebensfreude steigern


Dort lernte sie einen anderen Umgang mit dem Tod und den Toten kennen: "Mich fasziniert die freudige Erinnerung an einen geliebten Menschen, Allerheiligen ist nicht so ein fröhliches Beisammensein." Mit dem Fest solle man sich bewusst machen, dass das Leben endlich sei, das steigere die Lebensfreude, erzählt Rattay: "Jeder Tag ist ein Tag weniger, und ich muss mich bewusst entscheiden, wie ich ihn verbringen will." Außerdem werden damit die Ahnen und ihre Leistungen geehrt. Und dann geht es auch an eine freudvolle Erinnerung an die Menschen, die man kennengelernt hat - "die eigene Traurigkeit, einen Menschen verloren zu haben, steht dabei im Hintergrund", so Rattay.

Lieblingsspeisen und -getränke werden angeboten, auch Zigaretten dürfen nicht fehlen; ein Wegweiser aus gelben Blüten führt zum Altar. Gitti Rattay erklärt die Gaben.
Lieblingsspeisen und -getränke werden angeboten, auch Zigaretten dürfen nicht fehlen; ein Wegweiser aus gelben Blüten führt zum Altar. Gitti Rattay erklärt die Gaben.

"Früher hat man in Mexikozwei Mal 20 Tage lang der Toten gedacht, zuerst der toten Kinder, dann der toten Erwachsenen", erzählt Rattay weiter. Im Zuge der spanischen Kolonisation und der damit einhergehenden Christianisierung reduzierte sich das auf noch immer neun Tage und verlagerte sich vom Spätsommer in den Herbst und wird jetzt am 1. und 2. November gefeiert. So wie in Mexiko bereitet sich auch Gitti Rattay schon seit einigen Tagen auf das Fest zu "Dia de los muertos" vor. Am Montag wurde traditionelles Brot gebacken, am Dienstag bereits ein Altar in der Wohnung aufgebaut. "Eher klein, in Mexiko sind die Altäre in den Häusern 20 Mal so groß", erzählt sie fröhlich.

Verstorbene werden geladen


Auf dem Altar stehen Fotos ihrer Toten, auf einem ist Rattays Großmutter mit Falco zu sehen. Ein anderes Bild zeigt eine Freundin, die vergangenes Jahr zu Pfingsten bei einem Motorrad-Unfall ums Leben kam. In der Mitte steht ein Bild einer Autorin, die sie im Zuge ihrer Recherchen in Mexiko kennengelernt hatte und im vergangenen Jahr starb. Neben die Fotos hat sie Flaschen mit Wein und Bier gestellt. Und weil alle Menschen auf den Fotos Raucher waren, hat sie gleich zwei Päckchen Zigaretten auf den Altar gelegt. Rundherum hat sie Schokolade, Nüsse und Obst drapiert: "Alles, was diese Menschen gern hatten, das bekommen sie an ihrem Tag serviert."

Damit sie sich bedienen können, sind die Flaschen geöffnet, die Schokoriegel aus der Verpackung genommen und das Brot liegt offen da. Ein Wegweiser aus leuchtenden gelben Blütenblättern führt zum Altar. In einem Räucherbehälter glüht ein mexikanisches Baumharz, dessen Geruch die Toten anlocken soll.

In Mexiko dauert der "Dia de los Muertos" neun Tage. Am zweiten Tag wird der Gast wieder "nach Hause" begleitet, werden Teile der Gaben vom Altar genommen und auf den Friedhof zu den Gräbern gebracht, die damit geschmückt werden. Nach Sonnenuntergang am 2. November werden die Dinge vom Altar genommen und verzehrt. Danach wird weitere sieben Tage lang Besuchern etwas vom Altar angeboten, wie Rattay erzählt.

Bei dem Fest, das am Donnerstag im WUK (9., Währinger Straße 59, großer Initiativenraum) den Besuchern die mexikanische Tradition näherbringen will, wird zu Beginn (um 15 Uhr) eine sogenannte "Ofrenda" bereitet. "Das macht man für Personen, die etwas Großartiges geleistet haben." Dieses Jahr wird auf diese Weise des Begründers der Logotherapie und der Existenzanalyse, Viktor Frankl, gedacht. Danach werden Altäre hergerichtet. Die Besucher sind eingeladen, Dinge, an denen sich liebe Menschen, die verstoben sind, erfreut haben, mitzubringen. Daneben gibt es Programm: eine Kunstausstellung, Vorträge, betreute Kinderspiele und ab 18 Uhr Musik. Das Fest wird in Kooperation mit der Botschaft von Mexiko veranstaltet, der Eintritt ist frei.