Wien. "Aus Bürgern werden digitale Citoyens": Das ist die Hoffnung der deutschen Medienwissenschaftlerin Caja Thimm, die am Montag Abend in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zu Demokratie und Social Media referierte. Der passive, vor allem an Privatsphäre interessierte Bürger deutscher Prägung werde zusehends vom Online-Citoyen abgelöst - einem Homo politicus, wie ihn schon die Französische Revolution als Ideal vor Augen hatte: "Ein engagierter, wehrhafter, ein sich am Staatswesen beteiligender, gestalten wollender Mensch."

Wie viele andere Experten und politische Beobachter führt auch die Bonner Uni-Professorin für ihre These Beispiele aus der jüngsten Geschichte ins Treffen: den Arabischen Frühling, die grüne Revolution in Iran oder den Widerstand gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Für Thimm wie für viele andere Beobachter ist der Einfluss von Social Media und die katalysierende Wirkung des Internets auf politische Prozesse heute deutlich sichtbar. Wie stark diese Wirkung bei der Entwicklung der Demokratie ist und ob diese Technologie letztlich zu einer stärkeren Partizipation der Bürger führt - das ist unter den Experten allerdings heftig umstritten.

"Aussteigen gibt es nicht"

War die Debatte anfangs geprägt von optimistischen Analysen wie der des US-amerikanischen Autors und New Media-Gurus Clay Shirky, der in seinem Buch "Here comes everybody" eine neue Gesellschaft skizzierte, in der sich die Menschen aus eigenem Antrieb und ohne die Hilfe von alteingesessenen Institutionen im Netz zusammenschließen, so mehrten sich bald kritische Stimmen. Vieles von dem, das in den Medien euphorisch als Twitter-Revolution gefeiert wurde, sei bei näherem Hinsehen nämlich etwas ganz anderes.

In Ägypten - um gleich einmal das prominenteste Beispiel des Arabischen Frühlings herauszugreifen - hat bestenfalls ein Fünftel der Menschen Internetzugang, fast ein Drittel der Bürger kann nicht lesen und schreiben: Wie hätte es also sein können, dass unter diesen Umständen Twitter, Facebook & Co je eine solche Kraft entfalten konnten? Nach Meinung von langjährigen politischen Beobachtern wie dem ORF-Korrespondenten Karim El-Gawhari sei in der ägyptischen Revolution der Fernsehsender Al-Jazeera weit einflussreicher gewesen als Online-Netzwerke. Und selbst junge Polit-Aktivisten wie die Video-Bloggerin Sarah Abdulrahman wehren sich gegen Begriffe wie "Twitter Revolution". "Weißt du, was die Revolution wirklich bewirkt hat?", sagt sie: "Fucking Frustration."

Noch schonungsloser gehen Autoren wie Nicholas Carr mit Internet und seinen Plattformen um: "Seicht und bedeutungsarm" nennt er das Medium. Für den technikkritischen Autor Evgeny Morozov ist das Netz überhaupt nur ein Ort für "Slacktivisten", die auf der Couch sitzen und Online-Petitionen anklicken. Und der deutsche Hirnforscher Manfred Spitzer warnt Eltern sogar vor den Folgen "digitaler Demenz".

Aller Kritik zum Trotz zeigen sich jedoch immer wieder die Stärken des Internets als Werkzeug zur Mobilisierung, zur Dokumentation und zur Organisation von politischer Arbeit. Das Beispiel Weibo - die chinesische Variante von Twitter - zeigt, dass das Internet selbst in China, wo die Zensurmaschine besser geschmiert ist als anderswo, Kritik nicht vollständig unterbunden werden kann. Weibo spielt immer häufiger eine Rolle als Watchdog - etwa bei der Zugkatastrophe von Shanghai, als User Bilder von Verletzten publizierten. "Mit 300 Millionen Mitgliedern zeigt sich die Macht dieser Technologie", sagt Thimm: "Es ist so groß, dass es sich niemanden abdrehen traut."

Dass sich Menschen mit Hilfe des Internets mobilisieren lassen, ist nicht mehr nur Wissen der politischen Opposition. Spätestens seit dem US-Präsidentschaftswahlkampf 2008 ist klar, dass sich Begeisterung und Wählerstimmen mit gut gemachten Online-Kampagnen steigern lassen. Der gerade erst vorbeigegangene Wahlkampf zeigt indes auch die Schattenseite moderner politischer Arbeit: So sammelte die Obama-Kampagne mehr und detailreichere Daten über potenzielle Wähler als jede Kampagne davor.

Doch wie auch immer das Fazit über die Entwicklungen aussehen mag: Caja Thimm liegt mit ihrem Befund eines "massiven und umkehrbaren Wandels" wohl nicht falsch: "Wir können das Smartphone am Abend zwar abschalten. Aber am nächsten Morgen holt uns die virtuelle Welt wieder ein. Aussteigen gibt es nicht."