Wien. Die Grünen forderten am Mittwoch ein Bundesgesetz für Lärmschutz. Dieses soll bindend sein und dem Einzelnen die Möglichkeit geben, zu klagen, wenn Lärmschutzmaßnahmen nicht eingehalten werden. Zur Veranschaulichung des Problems begann Verkehrssprecherin Gabriele Moser die Konferenz mit dem Satz "Sie verstehen mich wahrscheinlich nur teilweise", während aufgenommener Straßenlärm aus dem 3. Bezirk abgespielt wurde, dort, wo die Lärmbelästigung sehr groß sein soll.

Die Grüne stellvertretende Bezirksvorsteherin aus Wien-Landstraße Eva Lachkovics hat schon viele Beschwerden der Anrainer bekommen. "Viele Menschen sind zu mir gekommen und haben über den Verkehrslärm geklagt", sagt sie zur "Wiener Zeitung". Durch den Bezirk verlaufen zwei Autobahnen sowie eine Eisenbahn- und eine Schnellbahnlinie. Besonders beim Gemeindebau Hanuschhof müsste laut Lachkovics etwas geschehen. Der Bau steht am Beginn der A4 auf der Erdberger Lände. Die Grenzwerte würden überschritten und niemand interessiere das. Weder die Asfinag, noch Verkehrsministerin Doris Bures oder Umweltminister Nikolaus Berlakovich fühlten sich angesprochen. Maßnahmen wie Tempo 50 oder eine Lärmschutzwand wären so einfach, aber nicht umgesetzt. "Lärm wird totgeschwiegen", so Moser.

Dass Lärm krank macht, darauf verweisen viele Studien. Unter anderem hat die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer Untersuchung festgestellt, dass 40 Prozent der österreichischen Bevölkerung unter Lärm und seinen physischen und psychischen Folgen leiden. Verkehrslärm ist laut einer WHO-Studie das zweitgrößte Gesundheitsrisiko (nach der Luftverschmutzung) und verursache Herzinfarkte, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafstörungen und Stress. Laut dem österreichischen Umweltbundesamt sind mögliche Auswirkungen von Lärm die Beeinträchtigung der Sprache, Schlafstörungen, kreislaufbedingte Erkrankungen, hormonelle Reaktionen, Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit und im sozialen Verhalten.

"Quälender Charakter"

Jürgen Sandkühler vom Institut für Hirnforschung an der Uni Wien bestätigt gegenüber der "Wiener Zeitung", dass Lärm krank machen kann. "Den Schall als Sinnesreiz erlebt man im Gegensatz zum Sehsinn als etwas, das man nicht einfach ausschalten kann", sagt er. Man könne sich diesem nicht bewusst entziehen. Eine Überschallung könne deshalb einen quälenden Charakter haben. "Ein lauter Schall löst im Gehirn immer eine Alarmfunktion aus."

Der Lärm ausgesetzte Mensch befindet sich laut Sandkühler in einer "unnatürlichen Situation". "Dieser Dauerstress hat gesundheitsschädigende Auswirkungen", sagt der Experte. Er weist jedoch darauf hin, dass man zwischen den unterschiedlichen Arten von Lärm unterscheiden muss. "Ein permanentes Hintergrundgeräusch, etwa von Straßenverkehr, ist weniger belastend als Fluglärm, der unregelmäßig kommt und geht", sagt er. Auch komme es auf den Einzelnen an. "Manche können sich trotz Lärms konzentrieren, andere nicht." Sandkühler sieht für Wien Verbesserungspotenzial. "Im Sinne der Volkswirtschaft müsste alles getan werden, um etwa den Fluglärm über Wien zu reduzieren", sagt er. Denn dauerhafter Lärm könne, so wie ein Wassertropfen, zur Foltermethode werden.

Die Grünen sammeln nun 500 Unterschriften, um ihren Antrag für ein Lärmschutzgesetz in den Petitionsausschuss ins Parlament zu bringen. Die Liste liegt in der Lindengasse 40 im 7. Bezirk auf oder kann in Kürze online unterschrieben werden. Für Lachkovics ist Lärm nicht nur ein Umwelt-, sondern auch ein soziales Problem. "Nicht jeder kann es sich leisten, vom Gürtel oder der Lände wegzuziehen", sagt sie.