Wien. Wer die Leopoldstadt seit vielen Jahren nicht mehr betreten hat, der würde sie mancherorts wohl kaum wiedererkennen. Sie ist heute das, was einmal Wieden oder Neubau waren - ein Magnet für schicke Städter. In den Schanigärten bestellen sie ihren Soja-Latte, in den Yogastudios meditieren sie, in aufregenden Lokalen dekantieren sie edle Bioweine. Einst schummrige Viertel mit verwinkelten Gässchen gelten heute als charmante, gute Adressen. Neue Lokale und Geschäfte sprießen aus dem Boden, die vielen Grätzel des Bezirks veränderten sich in den letzten Jahren rasant.

Nur in einem Eck ist der 2. Bezirk ganz die alte, graue Vorstadt, wie sie in den frühen Neunzigerjahren noch überall war: im Czerninviertel. Obwohl keine zehn Gehminuten von der Innenstadt entfernt, finden sich hier statt einladender Gartenlokale nur klobige Müllcontainer auf den Plätzen. Hier verstauben geschlossene Rollläden in Erdgeschoßen, wo sonst Geschäfte wären. Hier hat die letzte Trafik schon vor Jahren dichtgemacht. "Das Czerninviertel ist ein wenig verschlafen", sagt Franz Haas, Leiter des Leopoldstädter Bezirksmuseums, "es ist eine typische Wohngegend."

Trennlinie Praterstraße


Egal wo man im Czerninviertel steht, eine breite, vielbefahrene Straße ist nie weiter als rund 300 Meter weg. Es bildet ein spitz zulaufendes Dreieck, eingegrenzt von der Franzensbrückenstraße, Donaukanallände und Praterstraße. Letztere trennt nicht nur zwei Teile der Leopoldstadt voneinander, sondern auch zwei Welten: Denn auf der anderen Seite der Praterstraße liegen das Rotensternviertel und dahinter gleich das angesagte Karmeliterviertel.

Dort nahm die sogenannte Gentrifizierung vor rund 15 Jahren ihren ersten Ausgangspunkt. Angezogen von niedrigen Mietpreisen kamen die ersten Trendsetter über den Donaukanal ins Karmeliterviertel. Später drang der Strukturwandel weiter vor, bis zum Augarten. Inzwischen erreicht er sogar allmählich das Stuwerviertel hinter dem Praterstern - früher ein verrufener Ort illegaler Prostitution. Einzig am Czerninviertel gehen all diese Veränderungen spurlos vorüber.

Wettcafés und Puffs harren hier aus, ebenso wie Garagen und Autowerkstätten in den Höfen, wo geschraubt und geschweißt wird, als sei man hier in einer Ausfallstraße und nicht mitten in der Stadt. Zu dieser Szenerie passt auch das "Gasthaus zur Bundesländer", eines der wenigen Lokale im Czerninviertel. Es ist benannt nach der Bundesländer-Versicherung, deren Zentrale einst gegenüber lag und längst nicht mehr existiert. Wer das Gasthaus betritt, sich zu den Stammgästen gesellt und gebackene Leber ordert, der wähnt sich eher in irgendeinem Beisl im Weinviertel als unweit vom Stephansdom. Smartphone und Biowein gibt es hier nicht, dafür Spielkarten und Bier.