Wien. Viele Trauernde halten Hannes Benedetto Pircher für einen alten Freund der Familie. Für einen, der mit dem verstorbenen Sohn die Schulbank gedrückt hat, für eine alte Jugendliebe der Schwiegertochter oder einen dankbaren Protegé des Großvaters, der ein letztes Mal Abschied nehmen möchte vom Mentor. Warum sonst sollte dieser Mann im schwarzen Anzug am Grab so einfühlsam und detailliert über das Leben des Verstorbenen sprechen?

"Ich möchte, dass das, was ich sage, auch Hand und Fuß hat, auch, wenn es nur zwei Minuten sind. Es soll kein Gequatsche sein", sagt Pircher. Er ist professioneller Grabredner. Seit zehn Jahren legt sich der 42-Jährige jeden Morgen seinen schwarzen Anzug zurecht und rückt aus auf seinen Arbeitsplatz: den Friedhof. Manchmal sogar mehrmals.

Im Schnitt sterben jeden Tag 43 Menschen in Wien. Leise wird hier gestorben und begraben. Eine Stadt ohne Tote, wenn man so will. Man sieht keine langen Trauerzüge, hört keine Trauergesänge und weiß nicht, dass im Stundentakt Gräber auf einem der 53 Friedhöfe geschaufelt werden müssen, um die Toten zu begraben. Profis kümmern sich um den Ablauf der Bestattung, die Waschung der Leiche, das Einsargen, das Aufbahren und den Transport zum Grab. Früher hat das die Familie gemacht, den Verstorbenen für seinen letzten Weg vorbereitet und Freunde beauftragt, den Sarg zu tragen. Und am Ende hat einer aus ihrer Mitte die Trauerrede gehalten.

Heute wird Pircher dafür gerufen. Vielleicht, um der Zeremonie einen festlicheren Charakter zu geben, vielleicht aus Sprachlosigkeit, Ohnmacht oder gar Gleichgültigkeit.

Den Verstorbenen und Angehörigen dienen

Pircher stellt die Motive der Trauernden nicht in Frage. Er will ihnen nur dienen, den Verstorbenen wie den Angehörigen. Ist es ein Abschied im engen Familienkreis? Kann die Tochter doch noch die letzten Worte für die Mutter finden, mit der sie sich nie versöhnen konnte? Eine Gattin ihrem Mann augenzwinkernd am Grab sagen, dass ihn die Zigaretten schlussendlich tatsächlich ins Grab gebracht haben? Oder ist es eine Show für die Berufswelt des Verstorbenen, in der es darum geht, die Contenance zu bewahren - bis zum Schluss nämlich.

Wie ein Seismograph tastet sich Pircher bei den Gesprächen mit den Zurückgebliebenen vor, versucht, binnen weniger Minuten ein Gespür für den Verstorbenen zu bekommen. Konnte der Großvater in Frieden gehen? War sie eine gute Mutter? War der Vater mit seinem Leben zufrieden?