Als Geste der Verwunderung über die (vermeintliche) Blödheit von Mitmenschen gilt von alters her das "Vogelzeigen". Die Verwunderung wird der betreffenden Person durch ein mehrmaliges An-die-Stirn-Tippen mit dem Zeigefinger kommuniziert.

Im "Wörterbuch der deutschen Idiomatik" ("Duden – Redewendungen") wird die Vermutung angestellt, dass diese beleidigende Geste auf den uralten Volksglauben zurückzuführen sei, demzufolge Geistesgestörtheit durch Vögel verursacht würde, die in den Köpfen der Betreffenden ihre Nester hätten.

Indes dürfte der wahre Ursprung des "Vogelzeigens" auf die frühere Bezeichnung "Vogelköpfe" für mikrocephale Menschen zurückgehen. Bei der Mikrocephalie handelt es sich um eine Entwicklungsbesonderheit beim Menschen, bei welcher der Kopf (wie auch das Gehirn) eine vergleichsweise geringe Größe aufweist.

Die Brüder Koller, Fotografie aus der Zeit um 1895. - © Pathologisch-anatomisches Bundesmuseum
Die Brüder Koller, Fotografie aus der Zeit um 1895. - © Pathologisch-anatomisches Bundesmuseum

Im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum befinden sich zwei bemerkenswerte Büsten der mikrocephalen Brüder Anton und Leopold Koller. Verursacht wurde die Abnormität (und die damit verbundene geistige Behinderung) durch elterlichen Alkoholismus.

Wegen der krankheitsbedingt auftretenden Aggressivität kamen die Koller-Brüder (die Namen sind den Büsten nicht mehr zuordenbar) in die Irrenanstalt Gugging (NÖ). Innerhalb der an der Erforschung von Erbkrankheiten interessierten Ärzteschaft erregten die Brüder erhebliches Interesse, weshalb deren Köpfe, die eine merkwürdige Faltung der Haut aufwiesen, 1897 skulptural nachgebildet wurden.

Die Büsten der an Mikrocephalie leidenden Brüder Anton und Leopold Koller aus dem Jahr 1897 im Wiener "Narrenturm". - © Johann Werfring
Die Büsten der an Mikrocephalie leidenden Brüder Anton und Leopold Koller aus dem Jahr 1897 im Wiener "Narrenturm". - © Johann Werfring

"Das Traurige bei Mikrocephalen war zu jener Zeit, dass es für sie meist nur zwei Möglichkeiten des Lebensverlaufes gab: das Irrenhaus oder die Schaubude zur Volksbelustigung", sagt Museumsdirektorin Beatrix Patzak. Die Zurschaustellung im Panoptikum blieb den Koller-Brüdern immerhin erspart.

Pathologisch-anatomisches Bundesmuseum
Uni-Campus, Hof 6, 1090 Wien, Spitalgasse 2
Mi 10–18 Uhr, Sa 10–13 Uhr
Tel. (01) 521 77-606
www.narrenturm.at

Artikel erschienen am 28. Oktober 2010
in der Kolumne "Museumsstücke"
In: "Wiener Zeitung", Beilage "ProgrammPunkte", S. 7