Edler Wein und Pornos


Sobald Schmidt den Zaun bezwungen hat, versteckt er sich hintern den hohen Gräsern. Nervös beobachtet er die andere Straßenseite, auf der Hut vor Passanten, die ihn zur Rede stellen oder gar die Polizei rufen könnten. Huber hingegen ist gelassen. Er, der Fotograf des Duos, lehnt am Zaun, einen Arm lässig darüber geworfen. Eine Narbe ist auf dem linken Oberarm zu erkennen. Seine "Kriegsverletzung" von einem der Erkundungsspaziergänge, als er sich in einer verlassenen Fabrikhalle bei einer herausstehenden Glasscherbe aufritzte.

Heute steht ein ehemaliges Waisenhaus auf dem Programm. Bis vor einigen Jahren haben hier schwer erziehbare Kinder gelebt. Auf dem mittlerweile zu betonierten Fußballplatz gespielt. Auf ihre Zimmertüren Beschimpfungen und Liebesschwüre gekritzelt, die heute noch erkennbar sind.

"Es ist jedes Mal ein bisschen eine Zeitreise", erzählt Schmidt, während sie durch das Gebäude wandern. So wie damals, als sie in der Villa eines verstorbenen Architekten waren mit den roten Stofftapeten, der verschnörkelten Wendeltreppe und dem edlen Tropfen im Keller, den er sich für besondere Anlässe aufgespart hatte. Oder als sie die eigenwillig zensierten Pornohefte aus den Achtziger Jahren gefunden haben, die in der Kammer des Hausmeisters eines verlassenen Firmengebäudes sorgfältig gestapelt waren. Manchmal haben sie bei ihren Streifzügen schwer zu schlucken. Dann, wenn sie durch ein verlassenes Industriegebäude am Stadtrand wandern, sich ihren Kick holen und dort einer jungen Familie begegnen, die gerade Feuerholz für das Abendessen sammelt. Auch das verbirgt sich hinter der herausgeputzten Stadtkulisse.

"Du willst das Abgefuckte"


Für die einen befriedigen die urbanen Abenteuer eine Neugier, der sie sich als Kinder hingegeben haben und als Erwachsene wieder begraben. Für die anderen sind sie Nervenkitzel, womöglich der einzige in ihren stringenten Biografien. "Du willst das Abgefuckte, das Spannende, Unberührte haben und nicht das Hochpolierte. Wahrscheinlich geht das mit dem Wohlstand einher, dass du ein Ausbrechen aus dem Alltag willst", erklärt Schmidt.

Das Waisenhaus im 19. Bezirk erinnert die beiden Erkunder an die Stadt des Kindes, jenem Kinderheim in Penzig aus den Siebziger Jahren, das sie eines Nachts vor einem Jahr besucht hatten. Einen Gang werden sie nie vergessen. An dessen Ende war in roter Farbe ein Spruch zu lesen: "All I do is wait for you." "Ich hatte die Hosen richtig voll", erinnert sich Schmidt. Heute ist er souveräner. Selbst seine Höhenangst hat er überwunden, wie er zu späterer Stunde beweist.

Denn dann wird die Votivkirche in Angriff genommen. Hinter dem Werbebanner auf der Vorderseite der Kirche klettern sie das Geländer hoch, auf dem bei Tag Arbeiter die Kirche sanieren. Schmal ist es. Und ein bisschen wackelig. Der Körper hat nur ein Ziel: heil das Geländer hinauf zu klettern. Alles andere ist vergessen. Job, Familie Freunde. Unten gelassen bei den Passanten, die ihrem Leben am Boden nachgehen, während drei Amateurakrobaten nach einer anderen Perspektive suchen. Irgendwann hat man es geschafft, den Gipfel erreicht. Erleichtert. Tom Sawyer hat das paranoide Nervenbündel besiegt. Und blickt triumphierend über die Dächer von Wien.