Erhard Berg ist Maurer Urgestein und weiß über jede Gasse und jedes Haus viel zu erzählen. - © Jenis
Erhard Berg ist Maurer Urgestein und weiß über jede Gasse und jedes Haus viel zu erzählen. - © Jenis

Wien. Wer hätte das gedacht? Wien-Mauer hat einen eigenen Bürgermeister und das schon seit 28 Jahren - zumindest spaßhalber: Erhard "Burgi" Berg wurde bereits 1986 beim Heurigen - im ehemaligen Lindauerhof - von Maurer Freunden zum Bürgermeister auf Lebenszeit ernannt.

Mauer ist zwar nicht das kleine gallische Dorf in Wien, das sich dem Wirken des "richtigen" Stadthäuptlings widersetzt - aber die Maurer wollen sich gerne als die "besseren" Liesinger verstanden wissen: unten die Inzers- und Atzgersdorfer Hackler und oben die Maurer Haute-volée. Selbst auf Wikipedia heißt es: "Der Heurigen- und Villenort liegt am Rand des Wienerwalds und gehört zu den vornehmeren Wohngegenden Wiens." Und dann gibt es ja noch den Spruch: "Mauer liegt am Pappelteich und rundherum liegt Österreich."

Sein "Amt" trägt er bis heute in bescheidener Würde. - © Privat
Sein "Amt" trägt er bis heute in bescheidener Würde. - © Privat

Seit 300 Jahren ansässig


Dennoch trägt Berg sein "Amt" mit bescheidener Würde und Anstand. Klassenunterschiede haben für ihn eigentlich keine Bedeutung - mit Politik hat er wenig am Hut. Es ist vielmehr seine Liebe zu diesem Stadtteil, die ihn zu den Bürgermeister-Ehren brachte. Erhard Berg kann nahezu über jedes Haus und jede Gasse eine Geschichte erzählen. Das wiederum könnte dem Umstand geschuldet sein, dass das Haus, in dem er wohnt, bereits seit fast 300 Jahren in Familienbesitz ist. Und dort residiert der Bürgermeister, seitdem er denken kann. In seinem Arbeitszimmer stapeln sich die Schachteln mit fein säuberlich sortierten Postkarten mit Motiven aus dem 23. Bezirk. Es ist sicherlich die größte derartige Sammlung, die man in Wien finden kann. Entsprechend geschätzt ist auch seine Expertise, wenn es um "sein" Mauer geht. "Schon in der Volksschulzeit hat mich die Maurer Geschichte fasziniert", erzählt Berg in einem Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Auch im Jugendalter hat er sich intensiv mit der Entstehungsgeschichte von Mauer beschäftigt und dabei viel über seine Familiengeschichte erfahren. "Mein Großvater zum Beispiel war Garnisonskommandant von Mauer. Das war zu der Zeit, als im Ersten Weltkrieg die Bosniaken hier stationiert waren. Es gab ja früher zwei Kasernen - jene in der Kaserngasse/Ecke Heudörfelgasse wurde nach 800-jährigem Bestehen 1903 abgerissen und die andere in der Maurer Lange Gasse gegenüber vom Edelmoser im Jahr 1918", erzählt der Hobby-Historiker.

Dieses Wissen behält der mittlerweile 63-Jährige freilich nicht für sich. In der "Maurer Heimatrunde" treffen sich schon seit Jahren zweimal pro Woche ortskundige Menschen bei der Familie Buberl, um ihr Wissen zusammenzutragen und daraus eine Chronik zu machen. "Eine Art Maurer Kalendarium - alle zwei Jahre kommt ein Buch heraus", erklärt Berg. Mittlerweile sind bereits sechs davon erschienen. Das nächste Buch, an dem bereits fleißig gearbeitet wird, handelt vom Zweiten Weltkrieg. Ursprünglich lag Mauer ja in Niederösterreich. Im Herbst 1938 wurde die Ortsgemeinde mit vielen anderen Umlandgemeinden von der NS-Diktatur in Groß-Wien eingemeindet und gehört seitdem zu Liesing.

Für Häupl "passt’s eh"


Wobei Berg hier viele Details zu erzählen weiß, die im neuen Buch ihren Niederschlag finden sollen. "Nach Kriegsende hieß es: Der Anschluss ist null und nichtig, die Grenzen von 1937 müssen wiederhergestellt werden. Da die Stadt Wien aber Mauer behalten wollte, gab es ein entsprechendes Bezirksänderungsgesetz, nur die Russen wollten das nicht akzeptieren. Deshalb konnten dann auch bis 1954 keine Gemeindebauten in Mauer errichtet werden - und es gab bis 1947 wieder einen Bürgermeister", erzählt Berg.

Dass es nun seit 1986 erneut einen Bürgermeister gibt, dürfte mittlerweile niemanden mehr stören - nicht einmal den offiziell amtierenden Michael Häupl. "Ich habe schon einmal mit ihm auf einer Weingala gesprochen. Ich habe gesagt: Dir gehört Wien und wir sind da. Und er hat darauf gesagt: Ja, passt eh."

Politisch aktiv ist Berg nicht. "Wenn es darum geht, wähle ich den Kaiser", meint er. Auch seine Motivation, die Welt (also in seinem Fall Mauer) zu verändern, hält sich in Grenzen. Nicht einmal das Fluglärm-Thema, das viele Maurer auf die Barrikaden steigen lässt, stört ihn. "Wer jemals mit einem Flugzeug in den Urlaub geflogen ist, darf sich eigentlich nicht aufregen", sagt Berg. Vielleicht eine Fußgängerzone in der Geßlgasse? "Ich glaube, das geht nicht. Irgendwo muss ja die Straßenbahn fahren." Begegnungszone? "Dafür ist die Straße definitiv zu eng."

Ein richtiger Funktionär


Dass Berg nicht besonders hemdsärmelig für Bürgerinteressen eintritt, heißt aber noch lange nicht, dass er untätig ist. Denn wie jeder Bürgermeister, der etwas auf sich hält, übt auch er diverse Funktionen aus: Er ist Vereinsmitglied in der Maurer Heimatrunde sowie im Weinbauverein, er organisiert Vortragsreihen im alten Rathaus von Mauer, ist Obmann des Gartenbauvereins Mauer mit 500 Mitgliedern - und stolzer Besitzer von 500 Weinstöcken: "250 Stöcke Muskateller und 250 Grüner Veltliner", erklärt Berg stolz. Auf die Frage, wie viele Flaschen das jährlich ergibt, meint er: "Für mich reicht es."