Wien. Stadtplaner Reinhard Seiß hat mit der "Wiener Zeitung" über die Planungspolitik der Stadt Wien gesprochen. Er ortet unter anderem eine Investoren- und Grundeigentümer-Freundlichkeit.

Am 17. Oktober findet im Wiener Gartenbaukino die Premiere seines Films "Häuser für Menschen - Humaner Wohnbau in Österreich" statt.

"Wiener Zeitung": Immer mehr Wiener wollen nicht mehr in der Stadt, sondern am Land wohnen. Wo sehen Sie die Ursachen für diese Stadtflucht?

Reinhard Seiß: Ein Grund ist die Mittelmäßigkeit des Wohnbaus selbst, ein anderer das städtische Umfeld. Die Kleinstrukturiertheit und Durchmischung der gründerzeitlich geprägten Stadt geht in den meisten Vierteln immer mehr verloren. Dazu kommt die Dominanz des Autos im öffentlichen Raum. Und in den Neubaugebieten ist es bis dato nicht gelungen, tatsächlich urbane Strukturen zu schaffen. Die Stadt verliert zunehmend an Vielfalt, allein schon durch die Randwanderung des Einzelhandels. Es ist ein immenser Schaden für Wien, dass Supermärkte, also Nahversorger, in Gewerbegebieten errichtet werden dürfen. Der Einkauf mit dem Auto wird dadurch quasi zur Norm. Dasselbe gilt für ganze Bürostadtteile, die viele Arbeitsplätze aus den durchmischten Quartieren abziehen und diese funktional verarmen.

Können Sie ein Beispiel für so einen Bürostadtteil nennen?

TownTown in Erdberg ebenso wie Marximum in Simmering oder Europlaza am Wienerberg in Favoriten. Auch der neue Stadtteil am Nordbahnhof zeigt, wie man es nicht machen sollte. Dort steht Büroblock neben Wohnblock neben Wohnblock neben Büroblock usw. Einzelne Häuser haben dort die Größe ganzer Baublöcke und dienen nur einer einzigen Funktion. Das ist alles andere, als eine urbane Struktur, sondern städtebauliche Banalität mit wertlosen Straßenräumen dazwischen. Dieser Trend sollte dringend gestoppt werden.

Wie soll diese Entwicklung gestoppt werden?

Im Wohnbau etwa gibt es zahlreiche Qualitätskriterien, die Voraussetzung für eine Förderung sind. Doch wird oft sehr subjektiv darüber entschieden, ob ein Projekt sie tatsächlich erfüllt. Und eine Kontrolle, ob sie auch baulich umgesetzt wurden, erfolgt so gut wie nicht. Christoph Chorherr sagte einmal: ,Ich kenne so viele Projekte, die am Plan gut aussehen. Aber wenn ich mir dann die Bauten anschaue, erkenne ich oft nicht wieder, was ich daran toll gefunden habe.‘ Das spricht Bände. Die Qualitätskontrolle beschränkt sich meist darauf, ob die geplante Wohnfläche errichtet und die Baukosten eingehalten wurden. Meines Wissens musste noch nie ein Bauträger eine Pönale zahlen, wenn er statt der versprochenen Gestaltung des Grünraums eine quasi unnutzbare Freifläche hinterlassen hat.