Wien. Vor kurzem feierte das Einkaufszentrum G3 bei Gerasdorf sein einjähriges Bestehen. Fünf Millionen Besucher haben das G3 in diesem Zeitraum besucht. Der Gesamtumsatz von 200 Millionen Euro habe die Prognosen übertroffen, jubelt Kurt Schneider, Geschäftsführer der Ekazent Immobilien Management GmbH, die das Einkaufszentrum betreut. Auch ein paar Kilometer südlich, im Wiener Bezirk Floridsdorf, setzt man auf Einkaufszentren. Von übertroffenen Prognosen kann hier aber keine Rede sein.

Im Gegenteil: Sieht man sich im Bezirkszentrum am Floridsdorfer Spitz um, beschleicht einen bald eine gewisse Lethargie. Die Brünner Straße ist etwa alles andere als eine Einkaufsmeile. Hier dominieren Leerstand und Billigläden. Dabei liegt der Floridsdorfer Spitz im Gegensatz zum G3 nicht an der Peripherie, sondern in städtischer Bestlage mit dementsprechender Verkehrsanbindung. Woran hapert es also? Die "Wiener Zeitung" hat sich umgesehen. Der Rundgang beginnt am Franz Jonas Platz, der Hauptplatz und - aufgrund des Floridsdorfer Bahnhofs - der Verkehrsknotenpunkt des Bezirks. Hier herrscht geschäftiges Treiben. 30.000 Menschen steigen täglich am Bahnhof ein und aus. Es gibt einen Bücherflohmarkt, eine Bank, Imbissketten und die weiteren üblichen Geschäfte und Restaurants, die man bald einmal auf einem Hauptplatz finden kann.

Die "Wunde" im Herzen des 21. Bezirks

Billigläden dominieren auch auf der Brünner Straße. Auf dem Floridsdorfer Markt sperren die meisten Standler nur sehr selten auf. - © Luiza Puiu
Billigläden dominieren auch auf der Brünner Straße. Auf dem Floridsdorfer Markt sperren die meisten Standler nur sehr selten auf. - © Luiza Puiu

Ein Gebäude sticht allerdings aus der Gewöhnlichkeit heraus. An der Ecke Schloßhofer Straße/Pius Parsch Platz steht ein grauer Betonklotz ohne Fenster, der seine besten Zeiten schon hinter sich hat. Die gläserne Erdgeschoßzone ist zum Teil durch Graffiti verziert, am Boden sammelt sich Dreck. Im Inneren des Gebäudes erspäht man hängende Kabel und staubige Teppiche. Spricht man Passanten auf das Gebäude an, hört man wenig Freundliches über dieses "graue Monument", in dem sich einmal die Einzelhandelskette Woolworth befand. Die Politik solle sich endlich darum kümmern und diesem Schandfleck von Floridsdorf ein Ende bereiten, heißt es etwa.

Ein Vorwurf, der für Stefan Ohmacht von der Gebietsbetreuung 21 nicht neu ist. "Das Woolworth ist eine Wunde im Herzen Floridsdorfs", sagt er. Nur könne man nichts dagegen unternehmen: Der Besitzer sei Finanzinvestor und würde nicht mit sich reden lassen. Ohmacht glaubt nicht, dass sich daran so schnell etwas ändern werde.

Im selben Block auf der Seite Angerer Straße/Brünner Straße steht mit dem Einkaufszentrum "Einkaufspitz" ein weiterer Problemfall mitten im Bezirkszentrum. Der Großteil der Auslagenflächen ist verklebt, die Beleuchtung schimmert mutlos vor sich hin und die einzigen Plakate, die aktuell sind, werben mit Totalabverkauf ab 50 Prozent. Bis vor 15, 20 Jahren konnte man hier noch gut einkaufen, erzählt eine Frau, die auf der Suche nach Schnäppchen ist. "Heute fühlt man sich hier wie im früheren Ostblock."

Einkaufszentrum statt Einkaufszentrum


Noch vor einem Jahr eröffnete das Fantasy Flagship, ein Mittelalter-Laden, der etwa Kleidung und Zubehör anbietet. Mittlerweile steht das Geschäftslokal im Untergeschoß leer. Befindet man sich an Ort und Stelle, so ist dies keine große Überraschung. Denn außer einem Schuster sind in diesem Stockwerk alle Geschäftslokale von Leerstand betroffen. Konsequenterweise hat man auch gleich die Rolltreppen abgeschaltet. Im Erdgeschoß gibt es zwar noch ein paar Geschäfte, die offen haben. Die Stimmung ist aber trostlos. Einige Händler stehen vor ihren Läden und starren ins Leere, aus den Lautsprechern tönen Songs wie das einschläfernde "Kiss from a rose" von Seal. "Als mit dem Zielpunkt der letzte Supermarkt absiedelt ist, war es vorbei", sagt ein Mann, der alleine vor seinem Bier sitzt.

Wirklich vorbei wird es am Ende des Jahres sein, wenn der Komplex abgerissen wird. Doch was kommt danach? Richtig! Wieder ein Einkaufszentrum, nur diesmal größer und moderner. Vermutlich wird sich mit dem Neubau und der Modernisierung des Standorts die Spirale eines anderen Einkaufszentrums weiter nach unten schrauben. Schon jetzt gibt es im zehn Minuten entfernten Shopping Center Nord (SCN) sieben gezählte Leerstände, die alle im vergangenen Jahr, also seit der Eröffnung des G3, entstanden sind. Eine Zielgruppe hat man bereits verloren. Denn für Jugendliche ist das SCN - im Gegensatz zu anderen Einkaufszentren - kein Thema, sagt Martin Gamper, Jugendarbeiter im naheliegenden Jugendzentrum Juvivo. Viel angesagter seien hingegen die Millennium City im 20. Bezirk und das Donauzentrum im 22. Bezirk. Dass das SCN im Gegensatz dazu um die Ecke liegt, spiele für die Jugendlichen keine Rolle. Denn zum Sehen und Gesehenwerden tauge der Ort nicht.

Doch nicht nur Einkaufszentren kämpfen am Floridsdorfer Spitz und Umgebung gegen die Abwanderung der Kunden. Auch dem Floridsdorfer Markt, im Volksmund als Schlingermarkt bekannt, geht es nicht besser.

Erfolgreicher als der Naschmarkt


Vor 30 Jahren war der Markt der "bestgehende Markt" in ganz Wien, sagt Alexander Hengl vom Marktamt. "Der Naschmarkt hätte sich damals gewünscht, so stark zu sein." Mit der Entfernung der Schnellbahnstation und der Bankfiliale sowie dem Bau von Einkaufszentren begann aber der Abstieg. Heute sind bis auf einen alle 39 Stände vergeben. Trotzdem ist bei den meisten Ständen der Rollbalken heruntergelassen.