Fröhlich singend frönt die Gruppe dem Laternenbrauch. - © Karrer
Fröhlich singend frönt die Gruppe dem Laternenbrauch. - © Karrer

Wien. Traditionen müssen nicht langweilig sein. Das beweist eine Gruppe von Frauen und Männern, die seit sechs Jahren mit selbst gebastelten Laternen durch Wiens Lokale zieht. Begonnen hat alles aus einer launigen Idee heraus, erzählt Daniel Scherling, einer der Organisatoren: "Wir haben darüber geredet, wie lustig es als Kind war, mit der Laterne durch die Straßen zu spazieren - und uns gefragt, warum wir das nicht auch als Erwachsene noch machen sollten." Gesagt, getan, schon wurde der Freundeskreis zusammengetrommelt. Inzwischen ziehen bereits um die 70 bis 80 Personen rund um den 11. November mit ihren Laternen durch die Bars und Beisln. Tendenz: steigend.

Drachen, Schneekugeln und Asia-Look


Nach und nach treffen die gut gelaunten Leute in einem Lokal im 15. Bezirk ein. Stößt jemand neu zur Gruppe, muss er als Erstes sein Leuchtgebilde zeigen. Die meisten ernten ein anerkennendes "Wow". An dünnen Holzstäben hängen unter anderem ein feuerroter Drache, jede Menge Eulen, Schneekugeln, mit einem Wien-Wappen oder Zeitungsausschnitten und Bildern geschmückte Kunstwerke. Mitorganisator Bernhard Vosicky hat eine Hängelampe zur Laterne umfunktioniert, Scherling und seine Frau sind mit aufeinander abgestimmten, asiatisch angehauchten Leuchtkörpern eingetroffen. "Kitschig", lacht die Gruppe. Manche von ihnen haben gemeinsam gebastelt - auch das gehört zur Tradition. Und bereits jetzt werden Anregungen für noch ausgefallenere Gebilde wild diskutiert.

"Ah schaut mal, der Kindergarten hat Ausgang." Ätzende Kommentare wie diesen bekommen die Laternensinger selten zu hören. Häufiger begegnen ihnen erstaunte und freudige Blicke von Passanten, Lokalbetreibern und deren Gästen. Und die Frage "Was ist Laternensingen?"

Erstaunte Gäste, erfreute Wirte


Dann findet sich immer einer, der geduldig erklärt, wer dieser Heilige Martin, der Bischof von Tours, war, dass er im vierten Jahrhundert heldenhaft seinen Mantel entzwei geschnitten und mit einem Bettler geteilt haben soll. Wie daraus das Martinifest entstanden ist, warum bis heute Kinderscharen mit bunten Laternen durch die Straßen ziehen. Und vor allem: warum es ihnen eine Gruppe von Erwachsenen gleichtut. Ein Gast hört geduldig zu und macht Notizen. Er wird das zuhause genauer nachlesen, sagt er.

Singend wandert die Gruppe weiter durch die Sechshauser Straße. Hier und da zieht ein Bewohner den Vorhang auf, um zu schauen, was da unter seinem Fenster passiert. Immer wieder bleiben Menschen stehen, schauen und staunen. "Wir sind jedes Jahr in einem anderen Teil von Wien, warnen die Inhaber aber inzwischen vor", erzählt Vosicky, während er mit Laterne und Holzschwert voranschreitet. Anders sei das mit so vielen Teilnehmern kaum machbar, sagt er. Der eine oder andere Inhaber sorgt rechtzeitig zum Besuch der Truppe sogar für Extra-Personal, um den Ansturm zu bewältigen.