Die "Grätzeleltern" geben ihr Wissen an andere Bewohner des Bezirks weiter. - © Holzinger
Die "Grätzeleltern" geben ihr Wissen an andere Bewohner des Bezirks weiter. - © Holzinger

Wien. Als Neelam Cintury vor sieben Jahren nach Wien kam, sprach sie kaum Deutsch. Sie wohnte in einer Wohnung mit zu hohen Betriebskosten. Die Hausverwaltung machte auch Probleme. Sie wusste nicht, an wen sie sich wegen ihrer Wohnungsprobleme wenden sollte.

Seit Oktober 2012 hilft Cintury nun Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, wie sie damals war. Sie arbeitet ehrenamtlich bei dem Projekt "Grätzeleltern" mit. Das Kooperationsprojekt der Gebietsbetreuung und der Caritas hat zum Ziel, die Wohnsituation der Menschen im 6. und 15. Bezirk zu verbessern. In den oft unsanierten Altbauwohnungen leben viele ältere Menschen und Migranten, die nicht wissen, an welche Institution sie sich wenden sollen, wenn die Wohnung schimmelig ist, die Heizung nicht funktioniert oder der Vermieter zu viel Miete verlangt. Vor allem die Sprache stellt hier oftmals eine Barriere dar.

"Wir haben uns die Frage gestellt, wie wir die Menschen erreichen können, die von einer schwierigen Wohnsituation betroffen sind und nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen", erklärt Katharina Kirsch-Soriano da Silva von der Caritas. Gemeinsam mit Sonja Stepanek von der Gebietsbetreuung Stadterneuerung stellte sie das Projekt "Grätzeleltern" auf die Beine. Die Idee war, eine Brücke zu schlagen, zwischen den Menschen und den Anlaufstellen, erzählt Kirsch-Soriano da Silva. Die Brücke sollte über diese Menschen geschlagen werden. Dabei handelt es sich um Bewohner der Bezirke, die in Themen des Wohnens und Zusammenlebens geschult wurden und ihr Wissen an andere Bewohner des Bezirks weitergeben - wenn möglich in deren Muttersprache. Die "Grätzeleltern" sind unterschiedlicher Herkunft. Neelam Cintury kommt aus Indien und kann betroffene Bewohner auf Nepalesisch, Bengali, Urdu und Englisch beraten.

Hilfe zur Selbsthilfe


16 "Grätzeleltern" sind in Zweierteams unterwegs und machen Hausbesuche bei betroffenen Menschen. Zwei Besuche sind pro Haushalt vorgesehen. Die Pensionistin Sifora Sava wollte bei dem Projekt mitmachen, um in der Pension eine Beschäftigung zu haben. Außerdem wolle sie den Menschen helfen, etwas Neues lernen und in Gesellschaft sein. Sie sieht die "Grätzeleltern" als Verbindung zwischen Mensch und Behörde.

Der Großteil der Betroffenen wurde über die Kontakte der Grätzelbetreuer gefunden. Der Gedanke der Nachbarschaftshilfe sei bei dem Projekt sehr wichtig, meint Stepanek. "Wenn man Probleme hat, fragt man den Nachbarn, die Freunde oder irgendjemanden, dem man vertraut." Darauf baue das Projekt auf. Es soll Hilfe zur Selbsthilfe leisten. So sollen die Bewohner selbst aktiv werden. Die "Grätzeleltern" klären diese über ihre Rechte, aber auch über ihre Pflichten auf. Dazu gehört beispielsweise die Thermenwartung, die von den Mietern veranlasst werden muss. "Darüber sollen sie aufklären - aber nicht mit einer Stimme, die von oben kommt, sondern von Nachbar zu Nachbar", sagt Sonja Stepanek.