Wien. Leise erklingen Minimal-Techno Beats aus der Schottenfeldgasse 62 in Wien-Neubau. Und zwischen den Klängen hört man im Crossfit-Trainingsstudio Stöhnen und Ächzen. Eine Handvoll Männer und Frauen trainieren gerade für die Crossfit-Opens, einen Qualifikationswettkampf, der diesen Samstag in der ganzen Welt beginnt und fünf Wochenenden dauern wird.

Alberto Scalisi, 25, ist einer der Männer, dessen Muskelfasern im Studio brennen. Es riecht nach Schweiß, Gummi und Turnmatratzen. Scalisi macht gerade Squats mit einem Gewicht von 105 Kilogramm. Er legt sich die Langhantel auf die Schultern, geht in die Knie und hebt das Gewicht dann hoch. Sein Gesicht wird dabei rot. Die Vene an seiner Stirn wird größer und größer. Er ächzt. Diese Woche ist sein Training noch intensiver als sonst. Fünf Tage in der Woche trainiert er, manchmal zwei Mal pro Tag. Er will für den Wettbewerb fit sein. "Ich will unbedingt einige Ärsche versohlen", sagt er. Crossfit macht er seit zwei Jahren. Die Opens dieses Wochenende sind nicht wie ein Fußball-Turnier, bei dem Gold-, Silber- und Bronzemedaillen verliehen werden. Hierbei geht es viel eher darum, die vorgegebenen Übungen so schnell wie möglich und binnen einer vorgegebenen Zeit so oft wie möglich zu machen. Schiedsrichter messen die Leistungen und stellen sie online in eine globale Datenbank.

Die besten 60 dürfen bei den "Regionals" teilnehmen

Die besten 60 einer Region (Europa ist in zwei Regionen unterteilt) werden dann zu den "Regionals", regionale Wettbewerbe, eingeladen. Unter den Übungen: Klimmzüge, aber auch Squats und andere Mühen. Aber diese sind streng geheim und werden jeweils einen Tag vor Beginn der Opens von der Crossfit-Zentrale in den USA bekannt gegeben. Jedes Wochenende wird eine Übung vollzogen, die im Durchschnitt zwischen zehn und 15 Minuten dauert. Teilnehmer haben dann immer bis Sonntag Zeit, um die vom Richter bezeugten Leistungen hochzuladen. Die Übungen müssen nicht einmal in einer speziellen Arena absolviert werden. Sie können in einem beliebigen Fitness-Studio ausgeführt werden, vorausgesetzt ein Schiedsrichter ist anwesend.

Der Normalbürger kann sich nicht so recht ein Bild von Crossfit machen. Die Definition der Trainingsmethode ist keine einfache. Es gibt keine einheitliche und simple Erklärung, lediglich eine Formel. Crossfit als Mischung aus Gewichtheben, Sprinten, Gymnastik und Ausdauertraining, ist die gängigste. "Mit Crossfit wird man auf jede mögliche Herausforderung im Leben vorbereitet. Zum Beispiel jemanden aus einem brennenden Haus zu retten", sagt Scalisi und erklärt, dass Feuerwehrmänner in den USA sehr oft Crossfit trainieren. Witzelnd fügt er noch hinzu, dass "Crossfitter" wohl auch für eine Zombie-Apokalypse vorbereitet wären. Das Ziel von Crossfit ist die körperliche Fitness in mehreren Disziplinen, wie es der Name schon verrät. Eine Person soll Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit trainieren. "Nach Definition von Crossfit wäre ein Marathonläufer nicht fit", sagt Scalisi.

Das weibliche Crossfit-Schönheitsideal

Melissa Wegner, 24-Jährige Studentin, hat eine idyllisch-nostalgische Vorstellung vom Training. "Eigentlich ist ein Crossfit-Studio so was wie ein Spielplatz für Erwachsene. Man trifft dort seine Freunde, tobt sich so richtig aus, damit man abends dann gut schlafen kann", sagt sie. Drei Mal pro Woche besucht sie das Studio ihrer Wahl. Immer in der Früh, damit sich Arbeit und Studium an der Fachhochschule ausgehen. Auch sie will eine gute Figur bei den Opens machen. Mittlerweile schafft sie es, 125 Kilo zu heben. Als "unglaubliches Gefühl der Unabhängigkeit" beschreibt sie ihre erworbene Stärke. "Es ist ein Ausbruch aus den verstaubten Rollenbildern. Ich finde, auch Frauen dürfen stark sein. Meine Kraft macht mich stolz und selbstbewusst", sagt Wegner.

Genau das sei das weibliche Schönheitsideal, das Crossfit pflege, erklärt Malin Dietachmayer, 22, Standortleiterin des Crossfit-Studios. Sie trainiert seit zwei Jahren intensiv. Anfang 2012 kam sie zu Crossfit. Nach nur einem Dreivierteljahr wurde aus dem Hobby ein Beruf. Sie hat ihr Training an diesem Tag mit einem Gewicht von etwa 50 Kilo begonnen und sich auf knapp 90 Kilo gesteigert. Mit steigendem Gewicht werden auch die Mühen, die das Heben mit sich bringt, spürbarer. Ihr Ächzen wird lauter, fast klingt es so, als würde sie vor Schmerzen schreien. Dabei habe sie gar keine Schmerzen, ihre Ausatmungstechnik sei einfach nur eine "komische", meint sie.

Dietachmayer und Scalisi unterhalten sich zwischen ihren Wiederholungen. Der Jargon, den sie verwenden, ist für Außenstehende unverständlich. Das ist auch ein Grund, warum Crossfit mitunter heftig kritisiert wird. Nicht selten werden die "Crossfitter" als "Sekte" oder "Clan" bezeichnet. In gewisser Weise zeigen sich auch Parallelen: Erstens hören "Crossfitter" nie auf, über Crossfit zu reden, was dazu geführt hat, dass dutzende Web-Comics entstanden sind, die sich darüber lustig machen. Zweitens versuchen "Crossfitter" immer neue Mitglieder anzuwerben.

Danach darf es auch einmal ein kühles Blondes sein

Drittens sind fast alle über einen Freund zu Crossfit gekommen - bei Geheimbünden funktioniert das in ähnlicher Weise. Viertens bleiben die "Crossfitter" gerne untereinander und bilden Cliquen. In diesem Studio wird aber nicht der Eindruck erweckt, dass es sich hier um eine Sekte handeln könnte. Lediglich eine Testosteron-Sucht könnte den Menschen hier vorgeworfen werden.

Ein bis zwei Stunden trainieren Scalisi, Dietachmayer und die anderen. Die Muskeln brennen länger. Auch wenn sie während des Trainings Wasser, Milch oder Proteinshakes trinken, greifen sie nach Abschluss der Session gerne zu einem kühlen Hellen aus dem Kühlschrank. Eine ausgewogene Ernährung ist eben Pflicht.