Politisch korrekt? Unger lächelt und dreht sich zur Gruppe. "Nein, ich würde auch in eine Kirche mit ihnen gehen, aber ich denke, viele waren schon einmal in einer Kirche und dass die Hemmungen, in eine Moschee zu gehen, größer sind", erklärt sie. Schnell wird klar, dass es auf dieser Tour um mehr geht als um das Sichtbarmachen nicht erzählter Geschichte. Es geht um Erziehung. Um einen Perspektivenwechsel. Und um das Verlassen der Komfortzone. So wird manche Besucherin unruhig, wenn Unger im Foyer der Stadtbücherei am Urban-Loritz-Platz über die Sexarbeit am Gürtel spricht und darüber referiert, dass jene, die die Arbeit ächten, auch jene ächten, die sie verrichten. "Ich habe in vielen Studien gelesen, dass ein beträchtlicher Teil von diesen Frauen Zwangsprostituierte sind", wirft eine Besucherin ein. Dankbar nimmt Unger den Hinweis auf: "Was mir wichtig ist: Frauenhandel ist nicht Prostitution. Ebenso wie es keine Kinderprostitution gibt, sondern das ist Kindesmissbrauch", stellt sie klar.

Immer wieder kommt es zu Diskussionen. Beispielsweise, wenn sie mit einer Gruppe am Heldenplatz steht und die Frage aufwirft: Wann ist ein Mann ein Held? Oder wenn sie am Judenplatz über die Shoa spricht und es einem Besucher entfährt: "Der eigentliche Holocaust sind die Abtreibungen."

Ruhig bleibt Petra Unger dann in diesen Momenten. Sie versteht sich als Kulturvermittlerin. Nicht mit der Brechzange, sondern mit sanfter Konfrontation. Mit einem Stopp spannt sie den Bogen von der Geschichte eines Hauses, ihrer aktuellen oder einstigen Bewohner bis hin zu aktuellen Debatten. Sie weiß um den Widerstand, der ihr manchmal entgegenschlägt - oft auch von den Frauen selbst, den Jungen, den Emanzipierten, die mit dem ganzen "Gender" nichts zu tun haben wollen, weil sie sich bisher auch ohne Binnen-I ganz gut behaupten konnten.

Irgendwann werden sie es durchschauen


"Was wollt ihr denn eigentlich?", wird Unger dann gefragt, "ihr könnt doch eh alles haben." Doch können sie wirklich alles haben? Bekommen sie das Gleiche gezahlt für die gleiche Arbeit? Sind ebenso viele Frauen wie Männer in Führungspositionen anzutreffen? Kommen sie genauso schnell weiter auf der Karriereleiter wie ihre männlichen Kollegen?

Unger lächelt. Irgendwann werden es ihre Geschlechtsgenossinnen schon durchschauen. Spätestens, wenn sie Kinder bekommen, würden sie erkennen, dass der Partner nicht so emanzipiert ist, wie sie dachten, oder es nicht sein kann, weil auch er nicht mehr in seinen alten Job wieder einsteigen kann, wenn er einige Zeit für die Kinder ausgesetzt hat. "Erst dann wird den Frauen und Männern bewusst, dass unsere Gesellschaft und Wirtschaft nach alten Stereotypen strukturiert ist. Die Frauen bleiben zu Hause bei den Kindern, machen ein bisschen Teilzeit und die Männer machen Karriere", sagt sie nüchtern.

Doch der feministische Atem ist lang. Eine Schlacht zu seiner Zeit. Die weißen Männer der herrschenden Oberschicht hatten immerhin auch ein paar Jahrhunderte Zeit.