Thomas Aigner macht sich vom 3. Bezirk aus auf, Grenzen niederzureißen. - © Weidinger
Thomas Aigner macht sich vom 3. Bezirk aus auf, Grenzen niederzureißen. - © Weidinger

Wien. Die von einem österreichischen Historiker ins Leben gerufene Vernetzungsplattform "Icarus" für ausgebildete Historiker und Laienforscher ist eine wissenschaftliche Erfolgsstory. Doch "Icarus" trägt nicht nur zur digitalen Erschließung historischer Dokumente bei, sondern baut auch nationale Vorurteile ab. Finanziert wird das Ganze mit EU-Geldern. Die "Wiener Zeitung" traf den erfolgreichen EU-Antragsteller und erfuhr, was alte Urkunden mit Versöhnung zu tun haben.

Der Archivar Thomas Aigner hat eine Mission. Der 1973 in Mödling bei Wien geborene Historiker leitet das Diözesanarchiv St. Pölten und hat es sich nebenbei zur Aufgabe gemacht, Menschen mithilfe historischer Dokumente zusammenzubringen. Aigner ist digitaler Pionier der ersten Stunde: 1999/2000 ging das St. Pöltener Archiv als Erstes in Österreich mit seinen Urkunden online.

2008 gründete Aigner den Verein "Icarus" (International Centre for Archival Research), der seinen Sitz in Wien-Landstraße hat. Gemeinsam mit einem neun Mitarbeiter starken Team arbeitet er hier an der europaweiten Vernetzung von Archiven, historischen Einrichtungen und nicht zuletzt Laienforschern. Das Netzwerk besteht mittlerweile aus 130 institutionellen Mitgliedern in 23 europäischen Staaten und Kanada. Zweimal im Jahr fliegen die Kooperationspartner nach Madrid, Kopenhagen, Colmar oder Prag. Ganz bewusst werden immer wieder andere europäische Städte als Treffpunkte ausgewählt; schließlich soll die Teilnahme allen Mitgliedern ermöglicht werden.

"Icarus" ist auch Trägerorganisation der Online-Plattform "Monasterium.Net", auf der seit 2002 europaweit historische Urkunden gesammelt, wissenschaftlich bearbeitet und vernetzt werden. Was auf den ersten Blick wie eine wissenschaftliche Erfolgsgeschichte wirkt - Aigner und seine Mitarbeiter finanzieren ihre Arbeit aus Mitteln verschiedener EU-Fördertöpfe (Kultur, ICT-PSP, ETZ) -, ist bei näherem Hinsehen auch eine zutiefst politische Angelegenheit: Es geht um Völkerverbindung und bilateralen Austausch. "Wir wollen aufzeigen, dass Ländergrenzen in der Geschichtsforschung in vielen Fällen Nonsens sind", sagt der Historiker und zitiert gern das Beispiel des nördlichen Niederösterreichs und Tschechiens. Hier verwalten tschechische Archivare ganz selbstverständlich deutschsprachiges Material. "Wir haben einen gemeinsamen Kulturraum und eine gemeinsame Geschichte. Das sollten wir als einen Schatz begreifen, den es gemeinsam zu heben gilt", fordert Aigner.