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Wien. Nicht nur der Ausbruch des Ersten Weltkrieges jährt sich heuer zum 100. Mal. Zur Abwechslung darf einmal eines Ereignisses gedacht werden, das nicht millionenfache Vernichtung brachte, sondern dazu bestimmt war, Gesundheit und Leben zu fördern und den Ausbruch von Krankheiten zu vermeiden. Am 22. Mai 1914 wurde das Jörgerbad, das erste städtische Hallenbad Wiens, von Bürgermeister Dr. Richard Weiskirchner unter dem Namen "Kaiser Franz Josef-Bad" feierlich eröffnet. Schon damals für seine Ästhetik gerühmt, ist es für viele auch heute noch Wiens schönste Badanlage.

Die Wahl des Standortes erfolgte nicht zufällig. Hernals war ein klassischer Arbeiterbezirk und von der akuten Wohnungsnot gegen Ende des 19. Jahrhunderts besonders stark betroffen. Wien erlebte ein enormes Bevölkerungswachstum. Im Zuge der Industrialisierung und durch den Zuzug Arbeitssuchender aus den Kronländern sollte die Stadt zwischen 1870 und 1910 um fast ein Drittel wachsen, von 700.000 auf 2 Millionen Einwohner. Besonders drastisch war das Elend in den Wiener Vororten. Viele Arbeiter hausten in Massenquartieren. Die meisten Wohnungen hatten nur mangelhafte oder gar keine sanitären Einrichtungen.

Mangelnde Hygiene


1886 regierte die Stadtregierung und setzte einen ersten Schritt zur Verbesserung der Volksgesundheit. Der Gemeinderat beschloss, in allen Bezirken Volksbäder zu errichten. Den Anfang machte das Volksbad in der Mondscheingasse im 7. Bezirk. Wenig später hatte jeder Bezirk sein Brausebad, oder "Tröpferlbad", wie die Einrichtungen der wenig konstanten Wassermenge bald bezeichnet wurden.

Doch mit den Tröpferlbädern war es nicht getan. Visionäre Kommunalpolitiker erkannten, dass es mehr brauchte, um die mangelnde Hygiene unter den breiten Bevölkerungsschichten zu verbessern. Zu jenen Politikern, die sich mit an religiösen Eifer grenzender Leidenschaft der allgemeinen Verbesserung der hygienischen Lebensbedingungen verschrieben, zählte der Wiener Ober-Magistratsrat Karl Hanisch. Hanisch war auch Mitglied der 1912 gegründeten "Internationalen Vereinigung für Volksbäder und für Reinlichkeit", einem weltweiten Zusammenschluss kommunaler Verwaltungen, die sich in einer regelmäßigen erscheinenden Zeitschrift zu Maßnahmen und Ideen austauschten. In einer 1921 erschienenen Ausgabe präsentierte Hanisch den Mitgliedern der Vereinigung das von ihm mit entworfene Jörgerbad und notierte dabei: "Gerade heute gilt doch mehr als je der Satz, dass man desto weniger für Krankenhäuser wird aufwenden müssen, je mehr man den breiten Schichten der Bevölkerung das Baden erleichtert."

Erstmals auch Wannenbäder


Diesem Gedanken folgend war das Jörgerbad daher kein reines Hallenbad, in dem nun auch im Winter geschwommen werden konnte. Es war laut seiner offiziellen Funktionsbezeichnung, und zwar in dieser Reihenfolge, ein "städtisches Wannen-, Dampf- und Hallenschwimmbad".

"Vernachlässigte Füße"


Das Bad bot also erstmals auch Wannenbäder in großer Zahl an. Es gab 34 Wannenbadezimmer der ersten und 35 der zweiten Klasse. Damit hatten nun viele Wiener zum ersten Mal überhaupt die Gelegenheit, in den Genuss eines Vollbades zu kommen. Weiters gab es die Möglichkeit, nur zum Duschen ins Jörgerbad zu kommen. Beides ist auch heute noch möglich. Das Jörgerbad ist das einzige städtische Wiener Bad, das im Jahr 2014 noch Brausen und Wannenbäder anbietet. Um 3,60 Euro kann eineinhalb Stunden dem Baden in der Wanne gefrönt werden. Der Tarif für Brausen beträgt 1,80 (mit Kästchen) bzw. 2,40 Euro (Kabine). 2013 wurden die heute noch existierenden acht Wannenbäder des Jörgerbades 1787 Mal genutzt, was einem Zuwachs von fast 6 Prozent gegenüber dem Jahr davor entspricht. 1837 Mal wurde von der Möglichkeit, sich zu duschen, Gebrauch gemacht.

Weiters bot das Jörgerbad bei seiner Eröffnung ein Herren- und ein Frauendampfbad. Im dritten Stock gab es ein "Sonnen- und Luftbad" mit acht Liegestellen auf windgeschützter Terrasse mit drei Brausen. Weiters wurden Räumlichkeiten eigens zur "Haar-, Bart- und auch Fußpflege" zur Verfügung gestellt. Von der Wichtigkeit einer Fußpflege schrieb auch der selbst ernannte "Reinlichkeitsfanatiker" Hanisch im erwähnten Beitrag.

"Die Reinigungsbäder sollten, wo es der Platz gestattet, auch mit Vorrichtungen für die Fußbäder versehen sein, denn erfahrungsgemäß pflegen gerade die Füße sehr vernachlässigt zu werden. Während den Händen und dem Gesicht zumeist eine sehr liebevolle Pflege zu Teil wird, werden schon der Hals und erst gar die Füße - von anderen Teilen des Körpers ganz zu schweigen - mit zielbewusster Einfalt grimmig vernachlässigt!"