Wien. Direkt an der Donau, in Mannswörth, liegt ein kleines Paradies versteckt. Dort betreibt Horst Steffek gemeinsam mit seiner Frau Silvia eine Daubelfischerei Die Daubel ist ein quadratisches Hebenetz, das auf elastische Stäbe gespannt wird. Für den Fischfang wird das Netz auf den Flussgrund abgesenkt und nach einiger Zeit wieder aufgehoben. Dadurch werden die über dem Netz befindlichen Fische im Netzsack gefangen. Die Steffeks besitzen eine von rund 70 Daubeln, die es in Wien noch gibt.

Die großen Fische lassen Horst und Silvia Steffek immer frei. - © Karrer
Die großen Fische lassen Horst und Silvia Steffek immer frei. - © Karrer

Wer sie besuchen will, fährt mit dem Fahrrad über die Donauinsel bis zum Alberner Hafen, vorbei am Friedhof der Namenlosen, am schattigen Schanigarten und schließlich über eine sandige, schmale Straße noch ein paar Kilometer am Wasser entlang. Zäune kennen die Bewohner hier nicht, die Nachbarn sind zu Besuchern sehr freundlich: "Sie finden ihn am Ende der Straße, er wartet schon auf Sie", sagt einer umgehend. Eine Nachbarin gratuliert Steffek zu seinem Auftritt in der ORF-Sendung "Am Schauplatz". Das Ehepaar selbst wartet bereits vor seinem Haus.

Auf der Holzbank am Ufer sitzend, spricht er über die Faszination der Daubelfischerei. "Das taugt nicht jedem, dafür muss man eine gewisse Liebe haben", sagt er. "80 Prozent fischen ja mit der Angel." Die traditionelle, sehr schonende Art des Fischfangs fand im 19. Jahrhundert ihren Weg nach Wien und Budapest. Während Daubeln aus der ungarischen Hauptstadt inzwischen wieder verbannt wurden, prägen sie das Wiener Stadtbild nach wie vor. Derzeit gibt es sogar Bestrebungen, Daubeln als Weltkulturerbe schützen zu lassen. Erwerben kann sie jeder, Voraussetzungen sind eine gültige amtliche Fischerkarte und eine Daubellizenz. Seine Liebe zu dieser Art des Fischens hat der in Favoriten aufgewachsene Steffek bereits als 19-Jähriger entdeckt. Damals brachte ihn ein Bekannter auf den Geschmack und nahm ihn regelmäßig mit. Ihr Essen fingen sie selbst: "Nur Wasser für den Kaffee und zwei, drei Eier hatten wir dabei, Mehl und Bröseln waren sowieso immer da." Damals gab es sicher noch um 300 Prozent mehr Donaufische, erinnert er sich. Inzwischen leben im Wasser mehr Besatzfische wie etwa Karpfen. Alleine heuer habe er bereits 17 gefangen, in früheren Zeiten maximal einen jährlich. Was sich außerdem verändert hat: Während sich früher niemand um die Daubler gekümmert hat, sind sie heute mit zahlreichen Vorschriften konfrontiert.

Auch schon einmal zwei Wasserleichen gefischt

1970 erwarb Steffek mit 28 Jahren seine eigene Daubel und richtete sich ein. Ehefrau Silvia war nicht von Beginn an restlos begeistert, gibt sie zu, aber sie sei eben mitgezogen. Nun, als Pensionisten, genießen die zwei ihr kleines Paradies am Rande des Nationalparks Donauauen nicht mehr lediglich an den Wochenenden, sondern tagein, tagaus. Vor allem er verbringt fast jeden Tag in dem kleinen Holzhaus, das wegen Hochwassergefahr auf Stelzen steht und mit Koch- und Schlafgelegenheit zwar bescheiden, aber durchaus komfortabel ausgestattet ist. Nur, wenn das Thermometer weniger als zehn Grad minus anzeigt, zieht der 72-Jährige freiwillig zu seiner Frau ins Winterquartier. In den Urlaub verabschieden sich die beiden inzwischen gar nicht mehr: "Warum sollten wir wohin fahren? Wir haben es zuhause eh am schönsten, mir geht hier nichts ab, mir wird nie fad", sagt er. Ein wenig zu schaffen macht ihm und anderen Daubelfischern, dass manche öffentliche Stellen die Hütten am liebsten weg hätten, ärgert er sich. Auch den Wellengang auf der Donau beobachtet er mit Argusaugen. Manchmal kommt es ihm vor, als würden die Passagierschiffe um die Wette fahren. Dabei könne man sie durchaus ruhig durch das Gewässer steuern. "Wie das zum Beispiel", deutet Steffek aufs Wasser.

Ehefrau Silvia nimmt in der spartanischen Holzzille Platz und lässt das quadratische Netz in die Donau gleiten. Mithilfe einer Kurbel zieht sie es in Abständen immer wieder aus dem Strom und wirft einen Blick darauf. An diesem Tag ist das Unterfangen nicht von Erfolg gekrönt. Macht nichts, sagen die beiden, die größeren Fische würden sie ohnehin wieder freilassen. Die kleineren bekommt unter anderem Storch Schurli, der sich auch prompt blicken lässt. Er hat sich eines Tages bei den Steffeks niedergelassen, um zu bleiben. "Stress haben wir nur, wenn der Storch da steht und wir keinen Fisch haben", lacht Silvia. Einmal habe sie eigens Forellen aus dem Supermarkt und Fischabfälle vom Großmarkt geholt, um Schurli zu versorgen. Aber nicht nur Fische landen im Netz: Am Dach der Zille liegt eine kleine Sammlung von Gegenständen aus der Donau, ein Schild mit der Aufschrift "Bergwacht" hängt in einem Baum, Fußbälle schwimmen täglich vorbei. Am ärgsten aber sind die zwei Wasserleichen gewesen, die er entdecken musste, sagt Steffek.

Dass das Ehepaar die Daubelfischerei eines Tages aufgeben könnte, ist unvorstellbar. Zu viel Arbeit haben sie in die Fischerhütte und die Pflege des Pacht-Grundstückes gesteckt, zu wohl fühlen sie sich in ihrer kleinen Idylle. Und zu wichtig ist beiden das Fischen mit dem Netz, auch wenn Steffek hin und wieder auch gerne die Angel in den stillgelegten Seitenarm hinter dem Haus hält.