Im neuen Grätzel Sonnwendviertel probierten Jan Kubis (kleines Foto oben, links) und Helga Stiegler (kleines Foto oben, rechts) das Single-Appartement (kleines Foto unten) aus. - © Gebietsbetreuung GB*2/20 (2), Kallco
Im neuen Grätzel Sonnwendviertel probierten Jan Kubis (kleines Foto oben, links) und Helga Stiegler (kleines Foto oben, rechts) das Single-Appartement (kleines Foto unten) aus. - © Gebietsbetreuung GB*2/20 (2), Kallco

Wien. Sie sieht aus wie ein Hotelzimmer, die Wohnung in der Vally-Weigl-Gasse 5 im neuen Sonnwendviertel beim Hauptbahnhof. Beim ersten Anblick war Helga Stiegler etwas erstaunt. Sie war bei einer Aktion der Gebietsbetreuung Stadterneuerung (GB*2/20) ausgewählt worden und durfte hier eine Woche lang probewohnen. Dass es keinen Fernseher gibt, fiel der 59-jährigen fußballbegeisterten Pensionistin sofort auf. "Da werde ich doch ab und zu nach Hause gehen, um das eine oder andere Spiel der WM zu sehen", sagte sie zu Beginn ihres Probewohnens schmunzelnd.

Wirklich zu Hause ist Stiegler eigentlich ganz in der Nähe, beim Wielandpark. Das Sonnwendviertel kannte sie zuvor vom Vorbeifahren, inzwischen hat sie es erkundet, gemeinsam mit Freundinnen und Kolleginnen, die sie besucht haben - auch wenn das 37 Quadratmeter große Miniloft für Gäste fast zu klein ist.

Die Aktion fand nicht nur im Sonnwendviertel, sondern auch am neu bebauten Nordbahnhofgelände statt (Berichte dazu nachzulesen unter www.gbstern.at). Organisiert wurde das Probewohnen von der Gebietsbetreuung Stadterneuerung für den 2. und den 20. Bezirk. Zum "Geburtstag" - 40 Jahre gibt es die Gebietsbetreuung schon - wurde die Idee des testweisen Wohnens gemeinsam mit dem Bauträger Kallco umgesetzt. Nicht nur neue Stadtviertel, sondern auch neue Wohnformen konnten auf diese Weise ausprobiert werden. Im Nordbahnhofviertel standen von Ende Mai bis vergangenen Freitag zwei Zimmer in zwei unterschiedlichen Wohngemeinschaften zur Verfügung. Diese Wohnform richtet sich an Menschen, die nicht alleine wohnen möchten, aber noch keine Erfahrung mit Wohngemeinschaften haben.

Im Sonnwendviertel steht das "temporäre Wohnen" im Mittelpunkt. Es ist ein sogenanntes Miniloft-Appartement, gebaut und ausgestattet, um sofort "los zu wohnen", wie es Ronald Sirch, Prokurist von Kallco, nennt. Eine Wohnform für Menschen, die nach einer Scheidung schnell eine Wohnung brauchen, oder Studenten, die nur kurz in Wien sind.

"Oder für Senioren", meint Probewohnende Stiegler nach ihrer Erfahrungswoche. Immerhin ist das Badezimmer behindertengerecht, und wenn erst der Helmut-Zilk-Park fertig sei, hätte man auch eine Grünfläche gleich in der Nähe.

Die Lage der Wohnanlage im Bezirk sei toll, sagt Stiegler, gibt es doch neben U- und S-Bahn auch Straßenbahnen und Bus. Und wenn im Herbst auch noch das Einkaufszentrum am Hauptbahnhof eröffnet, gibt es neben der nahe gelegenen Favoritner Straße genug Einkaufsmöglichkeiten. Nur die Lokale könnten etwas mehr sein, so ging sie zum Fußball-Schauen doch lieber nach Hause als in das schummrige Café ums Eck. Derzeit als störend hat sie den Baulärm empfunden, ist doch das Sonnwendviertel noch im Aufbau. Um 7 Uhr gingen die Arbeiten während ihrer Probewohnwoche los, es staubte ordentlich - den Balkon konnte sie somit nur am Feiertag und am Wochenende in Ruhe nutzen.

Fehlender Charme des Viertels


Inzwischen ist schon ihr Nachfolger im Probewohnen, Jan Kubis, eingezogen. Die Baustelle stört ihn nicht, hat er doch dieses "Flair" zu Hause in Ottakring auch gerade, erzählt er lachend. Favoriten und das Gebiet rund um das Sonnwendviertel sind ihm aber nicht fremd, während des Studiums lernte er das Grätzel kennen und könnte sich vorstellen, wieder herzuziehen - wenn auch nicht in diese Wohnung, weil sie auch ihm zu klein wäre. Außerdem sei sie sehr steril und nüchtern eingerichtet, "es ist keine Wohnung, die ich suchen würde", sagt er. Es gefällt ihm, dass Innerfavoriten ums Eck ist, das Sonnwendviertel "ist noch Neubaugebiet, das noch nicht so viel Charme versprüht".

Dass es immer wieder Vorbehalte gegen Neubaugebiete gibt, hat auch Andrea Mann von der Gebietsbetreuung 2/20 beobachtet. Das sei einer der Gründe gewesen, warum das "Probewohnen" ins Leben zu gerufen wurde. Sowohl am Nordbahnhof als auch im Sonnwendviertel habe sich gezeigt, dass die Testwohner die positiven Seiten der Grätzel gesehen hätten, wenn sie eine Weile dort "Urlaub" gemacht hätten. Immerhin hat es in den vergangenen Jahren einiges an Fortschritten in der Gestaltung von öffentlichem Raum, bei der Erschließung und der Verkehrsberuhigung gegeben, was einiges an Qualität in die Neubaugebiete bringt.

Neben der bereichernden Erfahrung für die Menschen, die durch die Aktion eine "Innensicht" der Gebiete bekommen hätten, wäre es auch der kritische Blick von außen, der bei der Weiterentwicklung der Angebote helfen könnte. Das sieht auch Sirch vom Bauträger Kallco so. "Wenn man neue Produkte entwickelt, läuft man Gefahr, betriebsblind zu werden. Von den Probewohnenden bekommt man doch ein gutes Feedback." - Wie jenes, dass das Hotelzimmer nicht jedermanns Sache ist.