Wien. Tretgitter, Wasserwerfer, Polizeipanzer, Hubschrauber, 1700 Uniformierte. Was nach einem Bürgerkriegsschauplatz klingt, ist in Wahrheit die Räumung einer Hausbesetzung in der Mühlfeldgasse 12 im 2. Bezirk. Um 5 Uhr hatte die Polizei ein großräumiges Platzverbot über mehrere Gassen verhängt. Journalisten wird unter Androhung ihrer Entfernung und einer Anzeige der Zugang nicht gestattet. Da die Besetzer den Hauseingang massiv verbarrikadiert haben, gibt es für die Exekutive kaum ein Weiterkommen. Kurz vor 21 Uhr wird das Haus dann geräumt. 19 Punks werden aus dem Haus geschleppt. Es setzt Anzeigen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und versuchter schwerer Körperverletzung.

Die "Pizzeria Anarchia" war seit zweieinhalb Jahren von Punks besetzt. Zuvor war den Besetzern von der Hauseigentümerfirma Castella GmbH selbst angeboten worden, in die Immobilie kostenfrei für sechs Monate einzuziehen. Vermutliches Ziel: Die vermeintlichen Störenfriede sollten die letzten Mieter des Hauses hinausekeln, um die Liegenschaft umbauen und gewinnbringend verwerten zu können. Die Neo-Bewohner solidarisierten sich jedoch mit den Stammmietern und blieben nach Ablauf der Frist.

Einschüchterungsversuche und Anschläge mit Buttersäure

Laut einem Statement auf der Pizzeria Anarchia-Homepage habe der Eigentümer schon davor versucht, die renitenten Mieter aus dem Haus zu vertreiben. Nachdem "mutwillige Zerstörung der Infrastruktur, Verweigerung von Instandhaltungsarbeiten, nächtliche Einschüchterungsversuche, finanzielle Angebote und sogar Anschläge mit Buttersäure, Altöl und Farbe nicht gefruchtet haben, kamen die Eigentümer auf die grandiose Idee eine Gruppe Punks zu benutzen". Von Anfang an sei das Ziel der Punks aber gewesen, die Mieter zu unterstützen - mit Diskussionen, Workshops, einer Pizza aus dem Steinofen jeden Sonntag und Getränke gegen freie Spende. Jeden Dienstag wurden Filme und Dokus gezeigt.

Zurück zur zehnstündigen Räumung der "Pizzeria Anarchia". Vor allem die in mühevoller Arbeit angefertigten Barrikaden der Aktivisten stellten die Einsatzkräfte vor Probleme. Nachdem die Türe in aufwendiger Schneidearbeit geöffnet werden konnte, waren die Beamten am frühen Nachmittag vor allem damit beschäftigt, den angehäuften Sperrmüll zu beseitigen.

Die Aktivisten reagierten auf die Räumungsversuche mit Gegenmaßnahmen: Sie bewarfen die Polizisten mit Eiern, Federn und Farbe. Die Polizei antwortete mit Wasserschläuchen.

Mehr Polizisten als bei einem Fußball-Derby mit 20.000 Fans

Der Einsatz umfasste etwa 1700 Beamte, ein Papier aus dem Innenministerium bestätigt laut einem Insider diese Zahl. Ein offizielles Statement gab es dazu aber nicht. Das Ministerium verwies auf die Wiener Polizei. Diese meinte: "Das muss man sich nach der Evaluierung des Einsatzes anschauen."

Auf die Frage, ob der Rieseneinsatz gerechtfertigt sei, antwortete Polizeisprecher Roman Hahslinger, dass man zunächst etwa 50 Personen im Haus vermutete. "Im Vorfeld gab es Hinweise, dass die Hausbewohner Pflastersteine und andere Wurfgegenstände ins Haus gebracht hätten. Es lag auch den Verdacht auf Stromfallen. Deswegen entsprechend viele Einsatzkräfte und Einsatzmittel."

Die Unverhältnismäßigkeit des Polizeiaufgebots wird noch offensichtlicher, wenn man das Aufgebot bei der Hausräumung mit der eines Fußball-Derbys zwischen Rapid und Austria vergleicht, bei dem 20.000 Zuschauer kommen. Laut Hahslinger sind dann etwa 1000 Beamte im Einsatz, wenn es im Vorfeld des Derbys Reibereien gab, oder Vorfälle, wie etwa eine Massenschlägerei am Westbahnhof zwischen Rapid- und Austria-Anhängern. Bei einem normalen Derby seien es sogar weniger, so der Polizeisprecher.