Wien. Nicht nur das Gründerzeithaus in der Mühlfeldgasse, das zweieinhalb Jahre von Punks besetzt war, wird einen Tag nach der Räumung übermalt und ausgeräumt. Auch die Aufarbeitung des umstrittenen Einsatzes der Polizei Wien hat begonnen. Polizeiintern wird evaluiert, und extern heftig debattiert. Vor allem geht es dabei um die Verhältnismäßigkeit des Einsatzes.

Einen Tag nach der Räumung wurden bereits alle Graffiti entfernt. - © Stanislav Jenis
Einen Tag nach der Räumung wurden bereits alle Graffiti entfernt. - © Stanislav Jenis

Was war geschehen? Am Montagmorgen sind 1700 Polizeibeamte mit Panzern, Hubschrauber und Wasserwerfern gegen 19 Punks in einem besetzen Haus in Leopoldstadt vorgerückt - wobei die Polizei nur bestätigen will, dass "sicher nicht weniger als 1000 Beamte" im Einsatz waren. Kostenpunkt: Zumindest 750.000 Euro, wahrscheinlicher ist eine Million Euro.

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Ausnahmezustand

Den ganzen Tag lang herrschte in Wien Ausnahmezustand: In der Früh parken Dutzende Polizeiautos in der Prater Hauptallee, den ganzen Tag über ist in der Mühlfeldgasse und der Heinestraße kein Durchkommen. Journalisten wird der Zugang zu dem besetzten Haus versperrt und ihnen wird mit Anzeige gedroht. Nachts verhindern Polizeibeamte die Durchfahrt bei der unteren Berggasse im Alsergrund, eine Handvoll junger Menschen sitzt vor der Haftanstalt, wo die 19 Punks eine Nacht lang einsitzen. Inzwischen sind 15 Männer und vier Frauen wieder auf freiem Fuß.

Sie hatten in der Mühlfeldgasse eine ehemalige Pizzeria zweieinhalb Jahre lang besetzt und in "Pizzeria Anarchia" umgetauft. Sie waren eingezogen, nachdem ihnen die Hauseigentümer selbst angeboten hatten, hier sechs Monate kostenlos zu wohnen. Doch das Angebot hatte einen Haken: die vermeintlichen Störenfriede sollten die letzten Mieter des Hauses hinausekeln. Dann sollte die Liegenschaft umgebaut und gewinnbringend verwertet werden. Doch der Schuss ging nach hinten los: Punks und Altmieter verbünden sich, die Punks blieben nach Ablauf der Halbjahresfrist.

Eine aufwendige Delogierung

Also griffen die Vermieter zu drastischeren Mitteln und verstreuten Müll im Gang, bedrohten die Hausbewohner. Ein Anrainer beschreibt auf der Homepage des Mieterschutzverbandes den "Beschützerinstinkt" der Punks: "Wenn es in der Nacht wieder an der Tür bumpert, sind die Punks zur Stelle und verscheuchen den nächtlichen ungewollten Besuch."

In Wien gibt es täglich Delogierungen, und dennoch war der Einsatz am Montag nicht alltäglich: Insgesamt dauerte er zehn Stunden, da sich die Punks verbarrikadiert hatten - nicht nur ein Fernseher, auch Fäkalien flogen aus dem Fenster. "Das ist das Standardprogramm der Hausbesetzer", sagt Reinhard Kreissl, wissenschaftlicher Leiter des Wiener Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie. Er zeigt sich verwundert über die "offensichtliche Fehleinschätzung der Polizei".