- © Luiza Puiu
© Luiza Puiu

Wien. Die Türen hatten sich noch nicht einmal geöffnet, da standen Sonntagvormittag bereits hunderte Menschen in der Seitenstettengasse Schlange, um den Stadttempel zu besuchen. Zu Mittag, als Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg und Oberkantor Shmuel Barzilai zum gemeinsamen Konzert luden, zählte die jüdische Gemeinde bereits 1500 Besucher. Über den ganzen Tag verteilt sollten es schließlich etwa 5000 werden, die der Einladung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) zum Tag der offenen Türen folgten.

Die 18-jährige Tamara Lea Passweg kam mit Mutter Astrid und ihrer jüngeren Schwester in die Seitenstettengasse. Es ist ihr erster Besuch in der Synagoge. An ihrer Halskette findet sich ein Magen David, ein Davidstern. Warum? "Ich überlege, zum Judentum zu konvertieren", sagt sie. Der bereits verstorbene Vater sei Jude gewesen, sie selbst getauft worden, inzwischen aber aus der katholischen Kirche ausgetreten. "Ich weiß nicht warum, aber ich spüre ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zum Judentum. Ich kann mich damit sehr gut identifizieren."

"Einfach nur aus Interesse" ist Ulrike Kernstock (65) in die IKG gekommen. Vor 30 Jahren sei sie schon einmal hier gewesen, inzwischen hätten sich die Räumlichkeiten verändert. Ein älteres Ehepaar hatte schon vor zwei Jahren von einem Tag der offenen Türen Gebrauch machen wollen - "aber wir waren zu spät und die Schlangen waren so lang - daher sind wir heuer ganz früh gekommen", erzählt die Dame, die nur ihren Vornamen - Elisabeth - nennt. Sie komme weniger aus theologischem, mehr aus geschichtlichem Interesse. Juden seien in Wien über die Jahrhunderte immer wieder verfolgt worden. "Es ist interessant, dass es immer noch welche gibt."

John Irvin ist in Brooklyn, New York, aufgewachsen und hat inzwischen eine Österreicherin geheiratet. Ihn habe es interessiert, sich die heutige jüdische Gemeinde einmal anzusehen. Man wisse um die jüdische Kultur Wiens zu Zeiten von Sigmund Freud, das ihn als studierten Psychologen besonders interessiere, aber auch um den Einschnitt nach den tragischen Jahren der NS-Zeit. Umso mehr sei er froh, dass es heute wieder "eine kleine, aber lebendige jüdische Gemeinde" gebe.

Zeichen gegen Antisemitismus


Deren Präsident, Oskar Deutsch, freute sich am Sonntag über das auch heuer große Interesse, die jüdische Gemeinde zu besuchen. "Das ist ein gutes Gefühl. Und was ich in den Gesprächen feststellen konnte: Viele, die hierher gekommen sind, wollen damit ein klares Zeichen gegen Antisemitismus setzen. Indem sie uns besuchen, sagen sie, es ist uns wichtig, dass es in Österreich jüdisches Leben gibt. Das ist eine ganz klare Deklaration."