Für Touristen sind die Kutschenfahrten nach wie vor eine Attraktion, im Hintergrund gibt es strenge Kontrollen und Auflagen. - © Kolb
Für Touristen sind die Kutschenfahrten nach wie vor eine Attraktion, im Hintergrund gibt es strenge Kontrollen und Auflagen. - © Kolb

Wien. Wer mit Tieren, wie den Pferden, in der Öffentlichkeit arbeitet, dem wird genau auf die Finger geschaut. Da ist oft die Rede von "armen Arbeitstieren", die gequält werden und sich abrackern, bis sie sterben. Denn die Tierschützer sind immer in Sorge und wollen mit solchen Argumenten strengere Regeln schaffen.

Die 22-jährige Kathi Fiedler fährt seit zweieinhalb Jahren eine Zweispann-Kutsche durch Wiens Nobelviertel. Sie kennt diese Kritiker: "Die Tierschützer kennen unsere Kontrollen oft gar nicht. Ich liebe Pferde, schon seit ich klein war, und achte deshalb auch auf sie. Manches Mal reden mich aber sogar Passanten auf der Straße an, dass ich mein Pferd schlagen würde." Dass dies nicht der Fall ist, sieht man bei der Fahrt mit ihr. Sie tippt leicht mit der Peitsche auf die Seite des linken Pferdes. Das ist ein Hinweis für Frisko - so der Name des Pferdes -, nicht so "faul" zu sein. Frisko trabt oft noch langsamer als andere, da er erst seit einem Jahr im Dienst ist. "Er braucht ein erfahrenes Pferd an seiner Seite", so die Fiakerin. Daher sei das ältere Pferd Simon mit ihm eingespannt.

"Wenn ein neues Pferd keinen alteingesessenen Partner findet, kommt es zur Übung nach Schönbrunn. Dort ist der Verkehr weniger und die Pferde sind daher nicht von der Umgebung verunsichert", so Fiedler, die unter ihren Kollegen vom Fiakerbetrieb Silvia Paul ebenfalls die Jüngste ist.

116 Platzkarten für 58 Plätze


Um Kutscher zu werden, muss man laut Taxiinnung Wien eine Fahrdienstprüfung ablegen. Hierzu werden Kenntnisse über Bedürfnisse und Pflege der Pferde abgefragt, aber auch die technischen Teile der Kutsche und die Orientierung in Wien gehören dazu. Der Verdienst mit 1000 bis 1200 Euro netto ist jedoch eher gering.

Die Neulinge in der Branche haben oft Probleme, die Platzkartenordnung zu lesen, meint Kathi Fiedler. Seit einer Gesetzesnovelle im Jahr 2012 sind die 58 Plätze, bei denen Kutschen sich abstellen dürfen, um Gäste aufzunehmen, auf 116 Platzkarten verteilt. "Es gibt doppelt so viele Karten wie Plätze, damit die Karten gerechter auf die 33 Fiaker-Unternehmen in Wien aufgeteilt werden können", sagt Andreas Curda, Leiter der Taxiinnung Wien.

"Wenn man eine Platzkarte mit gerader Zahlennummer hat, darf man an geraden Tagen ausfahren. Je nachdem, wo dein Unternehmen dich an geraden Tagen platziert. Bei uns ist das entweder der Stephansplatz oder der Michaelerplatz. Dort musst du dann hinfahren", so Fiedler. Der Fiakerbetrieb Silvia Paul kann mit diesen Karten insgesamt sechs Kutschen pro Tag ausfahren lassen. Während die Pferde nur an zwei oder drei Tagen in der Woche arbeiten, müssen die Fahrer jeden Tag acht Stunden ihre Kunden chauffieren. "Wenn es Bestellungen am Abend gibt, zum Beispiel für eine Fahrt zur Oper, machen wir auch Überstunden", so die Kutscherin. Ihre letzte große Bestellung war jene zur Hochzeit von Richard Lugner. "Seine Braut ,Spatzi‘ hat für die Fahrt zur Kirche einen Sechsspänner gebucht. Dafür haben wir unsere Tiere extra trainieren müssen."

Das Kutschenfahren lockt immer wieder prominente Gäste in Fiedlers Wagen, immerhin stehen diese symbolisch für das alte und feine Wien, wo Kultur noch großgeschrieben wurde. Seit ihrer Ausbildung vor zweieinhalb Jahren hatte sie deshalb auch schon Frank Stronach mit an Bord. "Er ist ohne Bestellung einfach zu einem Stellplatz gekommen und wollte eine Fahrt. Ich finde aber, dass er geizig und stur war", so Fiedler. Denn obwohl die gehobene Klasse sich mit Trinkgeld üblicherweise nicht lumpen lässt, hat Stronach nur wenig gegeben. "Außerdem hat er erzählt, wie viele junge Frauen ihn angeblich anhimmeln", sagt sie. Dass sie auch unangenehme Kunden mitnehmen muss, gehöre zu den Nachteilen des Jobs.

Die Hauptkundschaft der Fiaker sind heute noch immer Touristen, die direkt bei den Stellplätzen mit der Kutsche fahren wollen oder von den Hotels abgeholt werden möchten, sagt Sonja Rischer, Geschäftsführerin der Silvia Paul Betriebsgesellschaft. Um dabei die Sehenswürdigkeiten zu fotografieren, zahlt man 100 Euro aufwärts. Fixe Preise haben die kleine Rundfahrt mit 45 Euro und die große Rundfahrt mit 90 Euro. Den Rest können die Unternehmen selbst bestimmen. Die Saison dauert von Juli bis September, wobei zu Weihnachten die romantischen Fahrten noch einmal boomen. Dann sind die Tiere von Silvia Paul im 16. Bezirk in einem Stall untergebracht. In den ruhigeren Monaten machen sie "Urlaub" - je nach Erholungsbedarf zwischen zwei bis vier Monaten in Niederösterreich.