Voller Freude und Inbrunst im kollektiven Rausch versinken. - © Foto: Wiener Wiesn, Faruk Pinjo
Voller Freude und Inbrunst im kollektiven Rausch versinken. - © Foto: Wiener Wiesn, Faruk Pinjo

PRO: Ich hatte noch nie eine Lederhose an. Pilgerhorden zur Münchner Wiesn zogen spurlos an mir vorbei. Ich hab noch nie eine Maß getrunken, weil auf den jährlichen Dorf-Kirtagen im Wiener Speckgürtel das Krügerl das Maß aller Dinge war.

Nun, da die Wiesn von München zu uns nach Wien kam, sich uns förmlich aufgedrängt hat wie ein prall gefülltes Dekolleté, kommt es zum ersten Kontakt mit einem Phänomen. Dem Phänomen des kollektiven und ritualisierten Rausches in ländlicher Tracht und dampfiger Zeltluft - mitten unter dem Riesenrad.

Dirndl als Affront


Diesem Phänomen geht ein zweites, für mich fast noch spannenderes, voraus: die kollektive Ablehnung der Wiesn durch linksalternative Bildungsbürger. Auf Facebook oder Twitter äußern sie ihren Unmut über die Provinzialisierung ihrer Stadt. Sie rümpfen die Nase über U-Bahn-Dirndln und suchen verzweifelt nach Motiven, wie ein derartiger Rückfall in die zivilisatorische Steinzeit überhaupt salonfähig werden konnte - während sie in Burka-Debatten auf die Selbstbestimmungsrechte und die Freiheit der Frauen beharren.

Trachten-Trauma

Die Welt unter der Burka ist weit weg. Aber unter dem Dirndl und der Lederhose steckt ein längst überwunden geglaubtes Stück in einem selbst - der konservative Vater, die öde Dorfjugend, eine "primitive Masse", die man in der großen - in Subkulturen zerstreuten - Metropole Wien überwunden geglaubt hat. Rausch und Ritual ja, aber bitte mit Stil und im Rahmen. Konservativismus 2.0 als Antwort auf den bedrohlichen Wiesn Einheitsbräu.

Intellektuell beleidigt vom neuen Trachtismus wird zum Äußersten gegriffen: dem NS-Vergleich. Beim Volks-Rock-’n’-Roller Andreas Gabalier, dessen Hymne "I sing a Liad für di" jede Wiesn-Band als Opener spielt, will man eindeutige Nazi-Posen ausgemacht haben. Und bei der Analyse des Sexy-Dirndls darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Rocklängen erstmals im Dritten Reich Richtung Knie schrumpften.

Maß und Masse


Und nun ins subversive Zentrum - auf die Wiener Wiesn. Die beginnt schon weit vor dem hölzernen Stadl-Portal. In der U-Bahn. In Lederhosen. Verkleidet wie ein Gschnas-Besucher. Blicken ausgesetzt, die Wohlwollen, Verachtung oder bloß Verwunderung ob der nackten Wadln ausdrücken. Das Anderssein in der Kälte als Vorbereitung auf das Aufgehen in der heißen Masse.