Wo komme ich her? Diese Frage stellt sich der Musiker Roman Grinberg in seinen Liedern. - © Jenis
Wo komme ich her? Diese Frage stellt sich der Musiker Roman Grinberg in seinen Liedern. - © Jenis

Wien. Der "Jiddische Kulturherbst" feiert heuer sein 20-jähriges Bestehen. Die "Wiener Zeitung" sprach dazu mit dem Wiener Jiddisch-Komponisten und -Musiker Roman Grinberg.

"Wiener Zeitung": Besucher von jiddischen Kulturevents erwarten oft Nostalgie und verbinden die Musik, die Texte mit Erinnerungen an das Ostjudentum vor 1938. Sie komponieren neue jiddische Lieder. Wo treffen Sie sich da mit dem Publikum?

Roman Grinberg: Ich habe selbst auch das Bedürfnis nach Nostalgie. Ich betrachte mich im Rahmen von Konzerten oder eines Festivals aber nicht bloß als Überträger und Überlieferer alter Emotionen und Erinnerungen, denn dazu bräuchte man mich eigentlich nicht und sonst auch keinen Künstler, man bräuchte nur die alten Schallplatten aufzulegen und in den alten Büchern nachzulesen. Und daher bin ich der Überzeugung, dass die alte jüdische Kultur und Tradition, vor allem aber die Sprache nur dann eine Chance hat zu überleben, wenn man Neues schafft. Denn irgendwann ist man satt vom Alten. Ich bin mir als Entertainer aber auch der Aufgabe bewusst, dass ich beim Publikum bestimmte Gefühle und Emotionen auslösen muss, damit es nach einem Konzert zufrieden nach Hause geht. Und deshalb gibt es bei meinen Konzerten immer sowohl Musik aus dem Schtetl als auch etwas Neues.

Welche Themen behandelt die von Ihnen komponierte jiddische Musik?

Da ich selbst mit Jiddisch als Muttersprache aufgewachsen bin, verbinde ich damit die Erinnerung an meinen Geburtsort, an die Zeit, in der ich aufgewachsen bin, und sobald ich Jiddisch spreche oder denke oder schreibe, bewege ich mich 50 oder sogar 100 Jahre zurück. Das heißt, ich versuche mich da sehr bewusst wieder herauszudenken, in die heutige Welt. Es gibt allerdings zwei Dinge, die vollkommen zeitlos sind - die Liebe und die Sehnsucht nach der Heimat, wobei Letztere immer die Sehnsucht nach der Kindheit ist. Damals waren wir Kinder und haben anders gefühlt. Diese zwei Themen behandle ich auch sehr ausgiebig in meinen Liedern.

Woher holen Sie sich musikalische Inspiration?

Ich bin der Meinung, dass ein Mensch, nicht nur ein Künstler, überhaupt ein Mensch, in seinem Schaffen all das unterbringen sollte, was er jemals gelernt hat. Ich kann also, wenn ich ein Lied im Volksmusik-Stil komponiere, sehr bewusst auf der Volksmusik-Ebene bleiben. Aber ich kann, wenn ich komponiere - ich spiele mir das dann vor und notiere es dann erst auf Papier -, anderes einfließen lassen, oder besser gesagt: Während ich spiele, fließen von ganz allein Jazz oder Pop oder anderes ein. Aber wenn das Lied dann fertig ist und ich an der Orchestrierung und dem Arrangement arbeite, dann ist es schon eine sehr bewusste Herangehensweise. Es gibt Lieder von mir, die gut von einer Big Band gespielt klingen oder von einer Salsa Band, aber nicht von einem Volksmusik-Ensemble und umgekehrt.