Stimmen Sie zu, dass der Islamische Staat im Propagandafeldzug die Nase vorne hat? Schließlich steigen die Ressentiments gegen die muslimische Community zusehends. Damit wird es für den IS auch leichter, weitere Kämpfer zu rekrutieren.

Der Terror, den der IS anrichtet, hat natürlich auch den Sinn, die Mehrheitsgesellschaft gegen die muslimische Minderheit im Westen aufzubringen. Der IS und andere Extremisten möchten ja, dass es den Muslimen in Europa schlecht geht. Sie wollen ihr Feindbild bestätigt bekommen, und Diskriminierungen gegen Muslime gelten als Beleg dafür. Was die IS-Leute gut können, ist die Beherrschung der sozialen Medien und der Videotechnik. Sie wissen genau, wie wichtig Propaganda ist. Sie schaffen es, das Internet mit ihren Heldenbildern zu überfluten. Das wirkt stark. Das gefällt jungen Männern. Interessant ist, dass die Medien diese Ikonografie übernehmen. Die Szenen der IS-Videos könnten teilweise auch aus Hollywood kommen. Zum Beispiel die Szene, wie sie Leute in den Kofferraum schmeißen. Oder dass sie Leute ihr eigenes Grab ausheben lassen. Das könnte aus irgendeinem schlechten Mafiafilm sein. Die Leute werden gedemütigt, beschimpft - das hat keine religiöse Grundlage.

Wie kann eine Antwort auf diese Propaganda aussehen?

Man müsste genauso Gegenerzählungen ins Internet stellen. Genauso kurz auf den Punkt gebracht von Leuten mit guter Rhetorik und viel Wissen. Das ist die Möglichkeit und man muss es nur machen. Dafür braucht man allerdings ein Budget. Das Problem ist aber, dass Muslime, die das machen könnten, als potenzielle Verbündete der Extremisten pauschal diskreditiert und unter Generalverdacht gestellt werden. Man schließt sie von vorneherein aus. Eine bessere Unterstützung und Argumentationshilfe können sich jene Extremisten, die das Feindbild westliche Welt propagieren, kaum wünschen.

Das heißt, die Antwort auf die IS-Propaganda soll von Intellektuellen aus der muslimischen Community kommen?

Ja, denn die haben in der Community einen hohen Zuspruch. Sie könnten mit ihrer Fachkenntnis die IS-Propaganda aushebeln. Es gibt Beispiele in Deutschland, wo man etwa ultrakonservative Imame eingebunden hat, die die jungen Dschihadisten inhaltlich auseinandernehmen. Wichtig ist, dass man Schritt für Schritt vorgeht. Der Radikalisierte muss zuallererst der Gewalt abzuschwören. Wer aber glaubt, dass dieser - falls er nach einem Gespräch nicht gleich zu einem Vorzeigedemokraten geworden ist - weggesperrt gehört, liegt falsch. Das funktioniert nur schrittweise.