Wien. "144 ist die Notrufnummer für die Rettung", erklärt Michal Fresel und schreibt die drei Ziffern auf die Tafel. Was für viele Österreicher als Selbstverständlichkeit gilt, ist für Personen, die nicht in Österreich aufgewachsen sind, oft neu. In den Heimatländern von Migranten werden andere Nummern verwendet, um Rettung, Polizei oder Feuerwehr zu alarmieren. Auch das Gesundheitssystem unterscheidet sich häufig von jenem in Österreich. Durch das Projekt "Protect" will das Wiener Rote Kreuz Migranten daher Einblick in das österreichische Erste-Hilfe-System geben. Im Rahmen von Workshops wird gezeigt, wie man Hilfe alarmiert und sich in Notfällen verhält.

"In Österreich braucht ein Rettungsauto im Schnitt zwölf Minuten, bis es beim Unfallort eintrifft", sagt Fresel. Ein Raunen geht durch den Raum. Im Iran komme die Rettung frühestens nach einer Stunde, meint die gebürtige Iranerin Carolin Torosian. Viele Sitznachbarn nicken. Die Teilnehmer stammen aus Ländern wie Armenien, Somalia, Iran, Tibet, Moldawien, Rumänien, Nigeria oder Angola. Sie sind erst seit wenigen Jahren in Österreich, ihre Deutschkenntnisse sind unterschiedlich weit fortgeschritten. "Nicht nur das neue System, auch die Sprachbarriere stellt für Menschen mit Migrationshintergrund oft eine Herausforderung dar", sagt Projektkoordinatorin Karin Pointner. Deshalb sei es wichtig, dass die Informationen spielerisch und möglichst bildhaft vermittelt werden.

"Die Trainer, die die Workshops leiten, erhalten eine entsprechende Ausbildung", erklärt die 30-jährige Koordinatorin. Präsentations- und Vermittlungstechniken, interkulturelle Kompetenzen und wichtiges Notfallwissen seien die wichtigsten Punkte der kostenlosen Ausbildung. Die Kurse werden auf Deutsch abgehalten. Die Trainer halten die Workshops freiwillig ab, der Kursbesuch ist für die Teilnehmer gratis. Zurzeit gibt es 45 "Hilfe-im-Notfall-Trainer". Fresel ist seit 2013 dabei. Die mangelnden Sprachkenntnisse der Kursteilnehmer stellen für den gebürtigen Polen die größte Herausforderung dar: "Es ist oft schwierig, grundlegende Dinge, wie etwa die Notrufnummern oder die Rettungskette, so zu erklären, dass auch Menschen mit schlechten Deutschkenntnissen sie verstehen", sagt Fresel. Interaktion und eine spielerische Herangehensweise seien deshalb unumgänglich.

Die Teilnehmer sollen ein Puzzle so zusammenstellen, dass sich daraus die Rettungskette ergibt. Nach wenigen Minuten sind die fünf Schritte, die vom Absichern des Unfallorts bis zur weiteren Versorgung des Verletzten im Krankenhaus reichen, richtig aneinandergereiht. Beim Vorzeigen der stabilen Seitenlage spricht Fresel besonders langsam und deutlich: "Mit dieser Position können wir bewusstlosen Personen dabei helfen, dass ihre Atmung weiterhin funktioniert", erklärt er. Bei der stabilen Seitenlage wird die Person so zur Seite gedreht, dass die Atemwege freigehalten werden und keine Erstickungsgefahr droht.