Wien. Es ist Montagmittag in der U-Bahnstation Josefstädter Straße. In einer Ecke dösen zwei Suchtkranke zwischen gebrauchten Spritzen und Bierdosen auf dem Boden, zwei Schritte weiter beflegeln sich zwei Betrunkene, einer davon zeigt dem anderen sein nacktes Hinterteil. Die vorbeigehenden Fahrgäste der U6 und der Straßenbahnlinie 2 verziehen angeekelt das Gesicht und entfernen sich so schnell wie möglich.

Szenen wie diese sind für den Verkehrsknotenpunkt nicht unüblich. Bereits seit einigen Jahren entwickelt sich dort ein sozialer Brennpunkt. Täglich halten sich mehrere Dutzend Personen um die Station auf. Dabei kommt es immer wieder zu Pöbeleien, hie und da geht man als Passant an einer Blutlacke vorbei. Es wäre einfach, die Schuld beim nebenanliegenden Tageszentrum für Obdachlose, genannt "Josi", zu suchen. Doch die Einrichtung der Stadt Wien befindet sich bereits seit 25 Jahren dort, während sich die örtliche Drogenproblematik erst in den vergangenen Jahren verstärkt hat.

Der Josi-Betreiber, der Fonds Soziales Wien, weist diesen Vorwurf zurück. Die Josi sei für Menschen in schwierigen Situationen, die meisten akut obdachlos. "Rund um die U6-Station Josefstädter Straße gibt es aber auch noch andere Personen, die sich dort aufhalten, etwa Suchtkranke, die die Josi kaum nutzen. Für Anwohner und Passanten sind diese Gruppen auf den ersten Blick oft nicht zu unterscheiden, sehr wohl aber für geübte Sozialarbeiter", so ein Sprecher des Fonds.

Eine Einschätzung, die auch von den anliegenden Bezirken und der Polizei geteilt wird. Was viel mehr als Grund gesehen wird, ist eine teilweise Verlagerung der ehemaligen Karlsplatz-Szene und die zentrale Lage der Station zwischen der Suchtberatungsstelle "Change" in der Nußdorfer Straße und der Beratungsstelle "jedmayer" am Gumpendorfer Gürtel.

Hannes Schindler, Bereichsleiter für mobile soziale Arbeit bei der Suchthilfe Wien kann das nicht bestätigen. "Hauptsächlich halten sich alkoholkranke Menschen länger im öffentlichen Raum auf, kurzfristig sind auch suchtkranke Menschen am Platz", so Schindler. Das Maßnahmenpaket "Karlsplatz 2010" habe dafür gesorgt, dass suchtkranke Menschen vermehrt die niederschwelligen Suchthilfeeinrichtungen nützen. Der Sozialarbeiter spricht von einer wahrnehmbaren Entspannung der Situation durch den Einsatz von Streetworkern und von der sozialen Verantwortung, die die Stadt Wien habe, für das Wohl aller sozialen Gruppen zu sorgen.