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Wien. Goran sieht aus wie ein Kick-Box Profi. Ein knabenhaftes Gesicht auf einem stämmigen Hals, massive Unterarme, kurz getrimmter Irokesenschnitt. Erste Bartstoppeln sprießen auf Kinn und Oberlippe. Unter dem engen T-Shirt zeichnen sich die Rundungen eines muskulösen Oberkörpers ab. Es ist Samstag, zehn Uhr früh. Gewollt lässig lehnt er am grün lackierten Geländer und nippt an einer Dose Red-Bull. Er und seine Kumpel kommen fast täglich hier her - in die Lugner-City - Wiens bizarrstem Einkaufszentrum.

Der Baumeister Richard Lugner macht sich in den 1970er Jahren mit dem Bau der islamischen Moschee in Floridsdorf einen Namen. Der öffentliche Aufschrei ist groß, er steht im Zentrum der Berichterstattung. "Damals lernte ich mit den Medien umzugehen", sagt er. Immer öfter taucht er nun in der Klatschpresse auf, heiratet um Jahrzehnte jüngere Frauen, ist Star einer Reality Soap, lädt Prominente auf den Opernball ein, kandidiert für das Amt des Bundespräsidenten. Die Nation lacht über und weint mit ihm. Seine Person wird zur skurrilen Marke.

Zwei Etagen unter Goran, im Erdgeschoß des sogenannten Plaza, gleiten Kinder über eine Kunsteisbahn. Die ersten Frühlingssonnenstrahlen fallen durch die Glaskuppel in die dreistöckige, kreisrunde Galerie - dem Herz der Lugner City. Hier scheint nichts echt zu sein. Künstliche Wasserfälle säumen den wild blinkenden Aufzug ein. Kunststoffhecken grenzen Gastgärten ab. Der Süßigkeitenstand wirbt mit einer mannhohen Eistüte aus Plastik. Eltern ziehen weinende Kinder an Jackenärmeln an bunten Schaukelautomaten vorbei. Kaminfeuer flimmern über riesige Flachbildschirme. Ein Potemkinsches Dorf im Kitsch-Wahn. Verschiedenste Baustile der Neunzigerjahre wurden zusammengestöpselt. Die ausgewiesenen Raucherlokale wirken wie nikotingeschwängerte Raucherkabinen auf Flughäfen. Überall lacht das karikierte Gesicht des Hausherren von den Wänden. Die Lugner-City ist der zu Fleisch gewordene, manische Traum eines - von der Allgemeinheit für verrückt gehaltenen - Baumeisters.

Das kann nie funktionieren


Doch verrückt ist Lugner keinesfalls. Zumindest nicht was seine Nase für gute Geschäfte angeht. Im Schatten der Wiener Stadthalle eröffnet er am 27. September 1990 sein Shopping-Reich. An die zwanzig Liegenschaften und eine Straße hat er dafür gekauft. "Ursprünglich sollte es ein kleiner Bürokomplex mit wenigen Geschäften und Lokalen sein, doch nach der massiven Unterstützung des damaligen Vizebürgermeisters Hans Mayer (SPÖ) wollte ich es riskieren", sagt er. Also plant er größer. Branchenkenner prophezeien dem Projekt wenig Erfolg. Ein Einkaufszentrum am Ufer der Innenbezirke kann nicht funktionieren. Doch aller Unkenrufe zum Trotz mausert sich die Lugner-City zu Österreichs bekanntestem Einkaufstempel. Sukzessive wird ausgebaut. Erst um das Haus in der ersten Gürtelreihe erweitert, dann - mittels Fußgängerbrücke über den Gürtel - an die U-Bahn Station Burggasse angedockt. Heute umfasst das Einkaufszentrum rund 22.000 Quadratmeter Geschäftsfläche plus Kinocenter, Büros und Ärztezentrum.