Ivo Nesrovnal weiß um die Angst der Wiener. - © Miro Nota
Ivo Nesrovnal weiß um die Angst der Wiener. - © Miro Nota

Bratislava. Wien und Bratislava sind die beiden am engsten beieinander liegenden Hauptstädte Europas. Nur 40 Kilometer trennen sie. Im Interview spricht der Bratislaver Bürgermeister Ivo Nesrovnal über das Vorbild Wien, die Angst der Österreicher und seine Hoffnung in die junge Generation.

"Wiener Zeitung": Herr Nesrovnal, Sie sind seit einem halben Jahr Bürgermeister von Bratislava. Inwieweit war die Nachbarstadt Wien in dieser Zeit ein Thema?

Ivo Nesrovnai: Wien ist in vielerlei Hinsicht unser Maßstab. Die Stadt ist Weltmeister in puncto Lebensqualität, die Verkehrspolitik ist durchdacht und funktioniert hervorragend. Es gibt viele Dinge, die wir von Wien noch lernen können. Außerdem ist Wien ein Aushängeschild. Jeder kennt die Stadt. Davon können wir nur profitieren. Wien ist unser Vorzeigebeispiel: Kultur, Sauberkeit, Regeln, Ordnung und Qualität. Da ist uns Wien weit voraus.

Wie wollen Sie diesen Vorsprung aufholen?

Bratislava ist einer der jüngsten Hauptstädte in Europa, weil wir erst seit 1. Jänner 1993 Hauptstadt sind. Es fehlen uns grundlegende Dinge. Eine kontinuierliche Entwicklung als Hauptstadt. Das bedeutet, dass wir beim Ausbau des Verkehrs nachhinken. Wir haben zu viele Autos. Auch die Stadtplanung verläuft ziemlich chaotisch. Finanziell sieht es auch nicht besonders gut aus. Die Stadt Bratislava ist eine von 2900 Gemeinden der Slowakei und hat keine gesonderte Stellung. Im Gegensatz zu Wien, Prag, Budapest sind wir kein Land.

Wien und Bratislava liegen nur 40 Kilometer auseinander. Für viele Wiener ist die Stadt aber nach wie vor sehr fremd. Woran liegt das?

Ja, so nah und doch so fern. Man fragt sich, warum die beiden Städte so unterschiedlich sind. In Bratislava hat sich ein totaler Individualismus nach dem Kommunismus durchgesetzt. Ein Gegenextrem nach 45 Jahren Gleichschaltung und Uniformität. Das Motto lautet: Ich mache, was ich will. Wir wollen das Pendel wieder in die Mitte bringen. Ja zur Freiheit, aber mit Verantwortung.

Warum sollte ein Wiener nach Bratislava fahren?

Die Neugier könnte den Wiener nach Bratislava bringen. Wir haben Weinberge in der Stadt. Die Sammlung Albertina stammt aus Bratislava. Hugo Portisch ist ein Bratislavaner. Auch der Herr Sacher kommt aus der Slowakei. Es bestehen also Verbindungen, nur man kennt sie nicht.

Würden Sie die Zusammenarbeit der beiden Städte als erfolgreich beurteilen?

Da muss ich leider sehr bescheiden urteilen. Nach 25 Jahren sind schließlich nur zwei sichtbare Dinge entstanden. Das ist die Autobahn und die Bootverbindung Twin City Liner. Es gibt dann noch kleinere Sachen. Aber mehr sichtbare Dinge gibt es nicht. In Zukunft wollen wir die Bahnverbindung verbessern.

Stichwort: Bahnverbindung. Im Gespräch ist seit Jahren die Verlängerung der russischen Breitspurbahn von Moskau über Bratislava nach Wien. Ist man hier vorangekommen?

Ich bin kein Freund dieser Idee. Ich frage mich immer, was die Slowakei davon hat. Die Ausladefläche ist dann in Wien, anstatt in Kosice. Profitieren würden also die Wiener.

Es hätte auch eine Direktverbindung von Paris über Wien nach Bratislava geben sollen. Warum ist dieses Projekt gescheitert?

Das ist kein Thema mehr. Es wäre aus EU-Geldern finanziert worden. Nur es gab einen Regierungswechsel in der Slowakei und das Projekt wurde gestoppt. Nach zehn Jahren Arbeit ist es bei uns vom Tisch gekommen und Wien hat mit diesen Geldern mit dem Hauptbahnhof einen neuen Knotenpunkt gebaut. Die Wiener haben darauf beharrt und das Projekt konsequent durchgesetzt. Alle Regierungen haben an einem Strang gezogen. In Bratislava hat man das Geld genommen und Straßenbahnen gekauft.

Man hat oft den Eindruck, dass Bratislava für Wien oftmals Mittel zum Zweck ist. Sehen Sie das genau so?

Der Stärkere und Klügere gewinnt immer. Doch wir leiden auch an unserer fehlenden Kontinuität. Wir haben einen Mangel an langfristigem, strategischen Denken. Wenn eine neue Partei kommt, wird immer gleich wieder alles umgeworfen, was der Vorgänger gemacht und vorbereitet hat. Bratislava leidet sehr darunter, dass wir ständig wieder von Neuem anfangen müssen.

Welche Projekte wollen Sie als Nächstes angehen?

Die Stadt Wien ist mit Kongresstouristen überlaufen. Das ist eine Chance für uns eine Alternative anzubieten. Wir haben genügend Kapazitäten. Geplant sind auch weitere Marchüberbrückungen. Das Projekt Marchbrücke in Angern ist ja gescheitert aufgrund einer Volksbefragung auf der österreichischen Seite. (74 Prozent stimmten dagegen, Anm.) Auch wenn es hieß, dass die Bürger keinen Autoverkehr wollten und deswegen dagegen gestimmt hätten, so spielte die Angst vor den Slowaken auch eine große Rolle.

Die Österreicher haben Angst vor den Slowaken?

Sie haben Angst, überlaufen zu werden. Eine Hälfte des Umlandes von Bratislava liegt im Ausland. Und das bekommen die Österreicher auch zu spüren. Denn immer mehr Bratislavaner ziehen nach Berg, Kittsee oder Wolfsthal. Diese Dörfer haben deshalb aber auch überlebt. Ohne den Zuzug von Slowaken würde es dort keinen Kindergarten oder keine Post mehr geben. Vielleicht haben die Österreicher auch Angst, dass man Plattenbauten in ihre Dörfer baut.